Kunstblumen und Schweineohren: Der erste Abend in Madrid

Oben angekommen, werde ich von einem Meer aus Kunstblumen empfangen, die sich einbetten in eine Einrichtung dem Geschmack von Louis XIV – XVI folgend. Onkel begrüßt uns herzlich, und kramt sofort alle Fotos seiner Enkelkinder heraus, damit Kindi weiß, dass er sich mit Kindern auskennt. Kindi ist sehr unbeeindruckt und klammert sich an mein Bein. Nerv!

SchwiegerV freut sich sehr über meinen Besuch, er hat das Bierlager bis obenhin aufgefüllt und bietet mir sofort eine gut gekühlte Dose an. Es wäre sehr unhöflich, abzulehnen und wir stoßen mit einem dumpfen „Klong“ an. Während die Eindrücke der letzten Wochen in akustischen Steno oder so auf mich niederprasseln und ich mein Bier trinke, erscheint ein Cousin im Wohnzimmer. Er war auf der Durchreise und hat eine Siesta gehalten und ist auch genauso schnell wieder weg, wie er erschienen ist. Kaum ist er weg, klopft es an der Tür. Es ist die Nachbarin aus dem 9. Stock, die seit Kurzem auch die neue Freundin von Onkel ist. Es ist etwas befremdlich, wie die Augen von Menschen jenseits der 70 im Liebesrausch funkeln. Das passt nicht allen so gut, andererseits ist man froh, dass er nicht alleine ist. Die neue Freundin schminkt sich immer, bevor sie Onkel besucht. Farbwahl und –menge sind etwas opulent, aber nun.

Irgendwas wird vom Rat der Alten besprochen und wir machen uns auf den Weg. Man besucht einen ziemlich traurigen Kinderspielplatz, auf dem kein Kind spielen will und geht dann weiter, entlang dieser 30qm-Kneipen, die von Neon-Röhren beleuchtet werden und wo der Müll auf dem Boden liegt. Es wirkt alles etwas trostlos und erinnert an die DDR.

Wir kehren dann ein in der Stammkneipe, die zentral, nämlich an einer stark befahrenen Verkehrskreuzung liegt und bestellen Bier. Außerdem gibt es Chips und irgendwas anderes Frittiertes. Bei dem zweiten Bier fragt SchwiegerV, ob ich Schweineohren essen würde. Ich lache, weil ich diesen Witz sehr lustig finde, aber dann fällt mir ein, dass man das ja in E als Snack isst und setze ein entrüstetes Gesicht auf. SchwiegerV ist sehr amüsiert.

Kindi ist gut versorgt, es gibt überall diese Spielzeugautos die hin-und herruckeln und so dämliche Plastikkugeln, die man für 1€ am Automaten ziehen kann, wo irgendein Ramsch drin ist. Während des ganzen Spanien-Aufenthaltes erpresst sie uns damit („Ich heule sonst.“)

Nach ein paar Getränken gehen wir nach Hause, wo uns dann ein anderer Cousin besucht, ca. 22:00 Uhr. Er kündigt gleich an, dass er nicht lange bleiben könne, weil seine Freundin mit dem Abendessen auf ihn warte. Er verlässt uns gegen 23:00 Uhr.

SchwiegerM und ich machen uns auf, die Betten für Kindi und mich fertig zu machen. Wir gehen in ein altes Cousin-Zimmer und für einen Moment fühle ich mich wie Marty McFly im ersten Teil. In dem Zimmer ist die Zeit stehen geblieben. VHS-Kassetten reihen sich neben Schulbüchern aus den `80ern. Selbstgebasteltes und -gesammeltes in dem Regal. Ebenso der Staub ist originär, niemand weiß, wann dieses Zimmer zuletzt von einem Staubsauger oder einem Putzlappen besucht worden ist. Ich aktiviere alle meine Toleranzgrenzen, auch die Staubschicht auf meiner Brille putze ich tapfer weg. Ich bin mir bewusst, dass meine Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung auf eine harte Probe gestellt werden, aber ich bin bereit, den Kampf aufzunehmen. Eine WG mit drei Männern hat mich gestählt und mein Immunsystem gefestigt.

4 Gedanken zu “Kunstblumen und Schweineohren: Der erste Abend in Madrid

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