Senioren, die auf Schildkröten starrren.

Ein neuer Tag bricht an. Ich ziehe die Jalousie hoch, blicke runter auf die Obdachlosen-Party unter dem Fenster, schaue auf Conchita Jesus, bediene Kindi mit Milch und Youtube und schon geht es los.

SchwiegerM stürzt mit einem Kaffee rein, stößt an Ultraschall sich nähernde Töne zum Kindi aus und fragt nach meinen Plänen. Ich sage: „Ich wollte in die Stadt gehen.“ Sie sagt: „Ah, gut, dann gehen wir um 11 Uhr los.“ Hmm, vielleicht gibt es ja in Spanien kein „ich“ sondern nur „wir“. Tja, dann ist das wohl so. Ich kann mich nicht wehren. In der Regel antwortet sie eh nur mit „ah“ oder „aha“. Es wird Frühstück zubereitet, immer wenn der Tisch fertig gedeckt ist, ist Onkel weg. Das ist wohl Routine. Sobald alle am Esstisch sitzen, ist er plötzlich verschwunden. Aber genauso mysteriös, wie er verschwindet, ist er auch wieder da. Er hat etwas Phantomartiges an sich.

DingDong. Die Nachbarin in Personalunion neue Freundin des Onkels ist da. Heute hat sie orangefarbenen Lippenstift fern der Lippen aufgetragen und riecht nach 4711. In Spanien heißt das bestimmt anders, aber es riecht genauso.

Immer wenn wir losgehen wollen, fehlt eine Person, wie jeden Morgen. Irgendwann aber verlassen wir das Haus und gehen zu einer Haltestelle, die ich nicht kenne. Ich sage: “Aber der Bus in die Stadt fährt doch an der anderen Haltestelle!“. Die Alten entgegnen, dass der Bus hier auch in die Stadt führe, nur über eine andere Route. Meinetwegen. Der Bus ist rappelvoll und stinkt wieder nach Diesel und holpert, stolpert, rattert und ich bin mir sicher, dass meine Organe neue Positionen im Körper einnehmen. Die Route führt durch Wohngebiete und SchwiegerM lässt es sich wieder nicht nehmen, mich auf die Sehenswürdigkeiten hinzuweisen: „Hier gibt es billiges Obst.“, „Hier ist ein großer Supermarkt.“ usw.

Kurz bevor Kindi sich übergibt, steigen wir aus. Es wird angekündigt, wir gingen zu einem botanischen Garten. Es ist aber der alte Madrider Bahnhof, den ich schon von einem vorherigen Besuch her kenne. Wir gehen hinein und Tatsache: da sind Palmen in der Mitte des Bahnhofsplatzes. Und Schildkröten. Ungefähr 1000 Stück auf 2 Quadratmetern. Entsprechend stapeln sie sich.

Es ist gerade Fütterungszeit, Pfleger kommen mit Trögen heran und bewerfen die Tiere. Aber bevor das Futter die Tiere erreicht, kommen Tauben und anderes Gefieder und greifen es ab. Ein etwas trauriges Schauspiel. Die Palmen sind auch etwas in die Jahre gekommen, viele trockene und verstaubte Blätter hängen traurig herunter und geben den gestapelten Schildkröten eine trostlose Kulisse.

Während ich einer aufkommenden Depression versuche zu trotzen, fällt mein Blick auf Onkel und seine Freundin, die vor mir stehen und sich unbeobachtet wähnen. Die Hand Onkels wandert zum Podex der neuen Freundin und zwickt, während die Hand der neuen Freundin gespielt versucht abzuwehren.

Ich hyperventiliere kurz, versuche das Gesehene irgendwie zu verarbeiten und suche nach Kindi. Kindi sitzt auf dem Boden der Bahnhofshalle heult hysterisch, weil sie irgendeinen Ramsch vom Ramschstand haben möchte, aber SchwiegerV ihn ihr nicht gekauft hat. SchwiegerM lacht und macht Fotos mit ihrer neuen Handykamera.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s