Und die Tante so: Verdammt, ihr Luschen, warum trinkt ihr nicht?

Ein neuer Tag bricht an in dem Land der nie erkaltenden Fritteusen.

Ich ziehe die Jalousie hoch und blicke auf die Obdachlosen in dem Garten. Sie haben heute Besuch, sind besonders ausgelassen und reichen Getränke in der Runde weiter. Ein paar Meter von ihnen entfernt balgen sich Katzen, spielen Fangen und haben auch Spaß. Ich trenne mich ungern von dem Blick der Natur, aber Conchita Jesus mahnt: Auch heute ist Programm.

Schwiegermutter hat Lebenszeichen aus unserem Zimmer vernommen und stürzt mit einem Kaffee herein. Dieser soll mich wohl besänftigen, aber eigentlich ist er nur eine lebenserhaltende Maßnahme.

Es kommt die obligatorisch rhetorische Frage: „Was hast du heute vor?“

Ich öffne den Mund, um zu antworten, aber höre nur SchwiegerM reden. „Wir fahren um 11 Uhr los zu Tante.“ Ich sage: „Ich glaube, das schaffe ich nicht.“ SchwiegerM antwortet: „Super, dann mach dich schnell fertig. Wir warten schon auf dich.“

Ich bin etwas verloren, ich erkenne, die Frage nach meinen Plänen war nur eine rhetorische Höflichkeit. Beim besten Willen weiß ich nicht, was ich bei Tante verloren habe. Tante wohnt in einem Viertel mit „Farbenmenschen“ so SchwiegerM und hat sich einen Fuß operieren lassen und ist immobil.

Und jetzt kommt das Kurioseste: SchwiegerM sagt, Tante sei noch lauter als sie und würde mehr reden. Ich halte dies für Propaganda, um meine Neugier auf das Unmögliche zu wecken. Ich habe ohnehin keine Ausweichmöglichkeit und versuche, mich zu freuen.

Es ist soweit. In einem akrobatischen Wendemanöver setzt Onkel den Wagen in nur 20 Minuten aus dem Parkplatz und wir fahren los. Onkels Fahrkünste stehen SchwiegerV’s Fahrkünsten in nichts nach. Willkürliche Spurwechsel, Beschleunigungen, Abbremsungen sowie Touren im Kreisverkehr lassen mich etwas bangen und Kindi übergeben. Wir kommen mit grünen Gesichtern und einem vollgereiherten Kind an und steigen aus.

Wir klingeln, aber Tante ist wegen der Fuß-OP immobil, hat die Schlüssel einer Cousine übergeben. Wie dann in einem Telefonat an der Tür zu erfahren ist, ist die Cousine gerade Brot holen gegangen, aber der Bäcker, der ja eigentlich Italiener ist und dessen Frau einen Bart hat,  ist gerade  in Mittagspause usw. Ich verstehe nicht alles, es ist unmöglich. Irgendwann macht die Tür „brrr“ und wir gehen rein. Schon im EG hören wir Tante reden und als wir die Wohnung betreten, ist es ein bisschen so, wie wenn man die Tür zu einer Disco öffnet:  Der Schall prallt erst auf mich, dann umgibt er mich und irgendwann ergebe ich mich ihm.

Tante empfängt uns auf einem Drehbürostuhl sitzend. Sie trägt einen Fleecemantel, Fleecehose und sitzt auf einer Heizdecke. Es sind 26 Grad in Madrid, vielleicht hätte ihr das jemand sagen sollen. Kindi kriegt eine weißes Ersatz-T-shirt, das ihr bis zu den Füßen reicht. Sie sieht aus wie ein Gespenst und findet das super.

Tante hat ein Stakkato, da kann SchwiegerM nicht mithalten. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass SchwiegerM’s Lautstärke übertroffen werden kann, aber ich werde eines Besseren belehrt. SchwiegerM wirkt etwas bedrückt, immerhin wird sie von der eigenen Schwester in ihren Spitzenkategorien übertroffen, das ist wohl Geschwisterneid.

Es gibt auch einen Ehemann, dieser ist aber eher eine Art menschliche Hülle. Er spricht nicht. Ich glaube, er ist taubstumm. Das würde auch die vielen Ehejahre erklären. Tante rattert, poltert, kreischt, flucht wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie fordert uns auf, Bier zu trinken und als wir ihrer Forderung nicht sofort nachkommen, schenkt sie uns selbst ein und flucht wie ein Berserker, was wir für Schwächlinge seien. Es ist 14:00 Uhr.

Wir trinken brav mehrere Dosen Bier und ich bekomme Hunger. Ich gehe selbsttätig in die Küche und nehme mir von dem Eintopf. Dies macht mich zur Heldin der Woche. Ich habe Tantes Eintopf gegessen! Später wurde dieses wichtige Ereignis ins Dorf und andere Gemeinschaften kommuniziert. Ich habe Tantes Eintopf gegessen.

Tante flucht, schnattert, rattert, lacht, kreischt und quatscht. Irgendwann sind wir erschöpft und beschließen, aufzubrechen. Nach ein paar Stunden ist die Abschiedszeremonie abgeschlossen und wir steigen ins Auto.

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