Und so war es wirklich: Mein Konzertbesuch

Wir geben unsere online ausgedruckten Tickets bei einer Kontrolleurin ab, die diese händisch in einer ausgedruckten Tabelle abhakt, kein Scanner oder dergleichen ist im Gebrauch.

Wir werden zum Aufgang C gebeten, dort gehen wir mehrere Stockwerke hoch, meine Mutter ächzt, stöhnt und ist außer Atem. Im zweiten Stock macht sie eine Pause und wird von einer -geschätzt- 92 jährigen Dame mit Krückstock überholt. Mir ist das etwas peinlich, meine Mutter ist aber ganz von ihrem Erschöpfungszustand eingenommen und ist fix und fertig.
Endlich bei den Plätzen angekommen, gibt es noch etwas Verwirrung, wer wo in welcher Reihe sitzen soll. Es stehen ständig Leute auf und setzen sich wieder, andere zwängen sich durch die Sitzreihe. Endlich hat jeder seine Platz gefunden und es fängt an: das Hustkonzert.
Noch bevor die ersten Sänger die Bühne betreten haben, kommt es zu dem ersten Astmaanfall, ein Bronchitisgeplagter stimmt ein. Dann aber ertönt Applaus, 15 junge Männer betreten die Bühne. Meine Mutter sagt entrüstet: „Wie? Das sind alle?“ Sie erwartete offensichtlich mehr Personen. Die jungen Männer singen ein tolles religiöses Lied. Der letzte Ton verhallt, eine besinnliche Stimmung macht sich fast bereit, als: „ÖCHÖÖÖÖ“.
Der Chorleiter stimmt an zu dem nächsten Lied. Irgendein Schöpfer wird gelobt, das glaube ich zumindest, es klingt ganz toll, die letzten Strophen verhallen und dann „HUST HUST HUST“. Tuberkulosekranke und Allergiker begleiten den Husten, es klingt fast so gut geprobt wie der Chor.
Irgendwann kommen auch Frauen und Kinder auf die Bühne, meine Mutter ist erleichtert, anscheinend ist die Anzahl der Menschen auf der Bühne ausschlaggebend für die Qualität der Performance.
Mit jedem Lied werden die Atemwegskranken freimütiger. „HUST HUST“, „RÖCHEL“, „ÄCH ÄCH“, „ÖCHÖ ÖCHÖ“ tönt es aus den Rängen. Zwischendurch klingelt ein Handy. „Rrring Rrring“ macht es. Dann „RRRRINGGG RRINGG“. Es wird immer lauter. Alle Blicke richten sich auf die Person, aus dessen Jackentasche der Konzertsaal mit Telefonklingeln beschallt wird. Der Senior, dessen Handy weiterhin klingelt, wirkt völlig unbeteiligt. Er schaut unbeirrt und konzentriert auf die Bühne. Vermutlich ist er schwerhörig und wurde von seiner Begleitung ins Konzert geschleppt.
Irgendwo, gegen Mitte des Konzerts fragt meine Mutter: „Sind das wohl religiöse Lieder, die der Chor singt?“. Es singt immer noch der Moskauer Kathedralchor. Ich sage: „Es ist ein Kathedralchor!“ Sie fragt: „ Wann kommen denn die Kosaken?“ Ich flippe aus: „Warum Kosaken?? Ich habe gesagt, das ist ein Kathedralchor!“ Sie: „Ach, ich dachte, das wären die Kosaken! Schade.“
Es ist Pause. Viele Senioren quälen sich den Weg ins Foyer herunter, aber da wird schon das Ende der Pause angekündigt. Wir haben indes Glück und können noch ein Getränk schlürfen. Meine Mutter fragt. „Woher kommt denn der Chor?“ Wir sind beim Konzert des Moskauer Kathedralchors. Ich sage nichts. Meine Freundin sagt höflich: „Aus Moskau.“ „Ach“, sagt meine Mutter, „ich hatte Mal den Kosakenchor gesehen.“ Meine Freundin sagt nichts. Die Pause ist zu Ende, wir kehren zu unseren Plätzen zurück. Meine Mutter macht wieder im zweiten Stock eine Erschöpfungspause und wir werden wieder von der weißhaarigen Frau mit Krückstock überholt.
Im zweiten Teil des Konzertes dominieren die Räusperer und neu hinzugekommen sind die Hustenbonbontüten-Rascheler. Die Öchö-Öchös sind nach wie vor präsent, die Chrrr-Chrrs kaum noch zu hören. Dafür ist aber mindestens eine Person an Tuberkulose verstorben. Gegen Ende des Konzertes werden die Hustgeräusche von „BRAVO“-Rufen übertönt. Wer es noch schafft, steht von seinem Platz auf und jubelt dem Chor zu.
Als der Chor „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmt, gibt es kein Halten mehr. Der Saal tobt. „ZUGABE!“ schreit er, „ZUGABE!“.
Es kommt der Bariton, der krass tiefe Töne singen kann und singt eine ziemlich bassige Sache und dann verschwindet er. Der Chor auch. Der Chorleiter auch. Keine Moderation. Nichts.

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