Endlich Ruhe.

Der Nachmittag in der Stadt mit der neunköpfigen Gruppe verläuft unspektakulär, zumindest ist dies in meiner etwas schwammigen Erinnerung so. Es kann auch daran liegen, dass wir unzählige Kneipen passieren auf der Route, die Onkel ausgesucht hatte. Nun, genau genommen passieren wir sie nicht, wir besuchen sie.

In jeder Kneipe wird Onkel mit Namen begrüßt, es gibt nur Bier zu trinken und  Frittiertes zu essen. Ich frage nicht mehr, was der Inhalt des vor Öl triefenden Teigmantels ist. Lammhoden, abgehackte Kellnerfinger, Schweineaugen oder Kuhhörner. Der Spanier ist alles, Hauptsache frittiert!

Ziemlich gut gelaunt kommt die Gruppe zuhause an. Es soll sich ausgeruht werden, den Mann und mich freut das sehr, weil wir fälschlicherweise denken, Ausruhen hätte etwas mit Ruhe und Untätigkeit zu tun. Es hat aber jeder eine andere Definition davon, anscheinend.

Onkel zieht sich zurück in sein Büro und bahnt sich den Weg durch die zu Substanz gewordenen Staubschichten zum Schreibtisch frei. Auf diesem steht ein Monitor, der ungefähr mein Alter haben dürfte. Und weil der dazugehörige Rechner seit dem Auszug der Kinder in den 90’er Jahren nicht mehr so regelmäßig aktualisiert wird, sind auf dem Bildschirm hauptsächlich Warnungen zu sehen, dass irgendetwas installiert oder aktualisiert werden muss.

Onkel kann anscheinend gut damit umgehen, er hackt konzentriert mit der Einfingersuch-Methode auf der Tastatur rum. Danach möchte er Telefonate führen. Leider hat die Telefonanlage aufgrund unsachgemäßer Bedienung gewisse Dysfunktionen und ein Eigenleben entwickelt. Bevor Onkel überhaupt jemanden anruft, lässt er daher das Telefon erstmal probeklingeln und schreckt den dösenden Mann auf.

Beim Funktionalitätscheck stellt Onkel fest, dass er in seiner Abwesenheit von einer fremden Nummer angerufen worden ist. Onkel misstraut grundsätzlich jeder Nummer, die nicht mit einem Namen in seinem Telefon hinterlegt ist. Er rennt mit dem Telefon zu SchwiegerM und fragt sie, ob sie wisse, wem diese Telefonnummer gehöre. Sie überlegt kurz, zählt verschiedene Schwestern und Cousinen auf und rekonstruiert die letzten Telefonate. Tatsache, es könnte Tante sein, die hatte an dem Tag nur zweimal angerufen.

Man beschließt, zurückzurufen. Es geht aber keiner dran. Wie kann das sein? Tante müsste doch zuhause sein! Panik macht sich breit! SchwiegerM ruft sofort Cousine an: „Weißt du, wo Tante ist?“ Cousine ist von der Panik sofort angesteckt: „Oh, Gott! Sie wollte doch Eintopf kochen! Sie müsste zuhause sein!“ Die Telefonkette wird initialisiert. Der Mann ist genervt und meckert.  Kindi möchte Tombola spielen und weint.  Ich zähle die Fettspritzer am Küchenschrank und schwanke zwischen Putzzwang und Ignoranz. SchwiegerV bewahrt stoische Ruhe und öffnet eine Dose Bier.

Minütlich gehen nun Status-Updates auf Mobil- und Festnetztelefon ein. Die letzten Stunden in Tantes Leben werden rekonstruiert. Ein Cousin hatte sie zuletzt lebend mit einem Suppenhuhn in der Küche zurückgelassen.

Endlich kommt der erlösende Anruf. Es ist Tante, extrem schlecht drauf. Sie flucht sehr lange und laut. Sie saß auf dem Klo und als sie mit den Krücken rumhantierte ist der Badezimmerschlüssel ungünstig hingefallen und aufgrund ihrer nachoperativen Immobilität konnte sie ihn nicht so schnell aufheben, der Mann war auf dem Balkon und hat nichts gehört (ich sage doch, der ist taubstumm!). Während Tante MacGyver-ähnliche Gadgets konstruierte, um den Schlüssel wieder aufzuheben, hat das Telefon unablässig geklingelt und sie vollends in den Wahnsinn getrieben. Coño!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s