Der Erfinder der Coolness: Friedrich Liechtenstein

Friedrich Liechtenstein: „Mir hing die Karotte immer vor der Nase“

Interview mit Friedrich Liechtenstein in ZEIT Campus Nr. 05/2014

Kein Einkommen, kein Mietvertrag, bloß kein Konsum: So hat Friedrich Liechtenstein jahrelang gelebt. Bis er als der Mann aus der Edeka-Werbung zum Star wurde. Interview: Katharina Heckendorf

Friedrich Liechtenstein, 58, sitzt in der Cafeteria der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin und posiert so, wie man ihn kennt: superlässig. Hier hat er zu DDR-Zeiten seinen Abschluss als Puppenspieler gemacht. Später versuchte er, berühmt zu werden, erst in der freien Theaterszene, dann als Popmusiker. In Berlin galt er lange als Geheimtipp – aber leben konnte er von seiner Arbeit als Künstler nicht. Bis er Anfang des Jahres die Hauptrolle in einem Werbespot für Edeka spielte. In dem Video badet er in Milch und Knuspermüsli, tanzt durch das Zimmer einer Frau und singt: „Superuschi, Supermuschi, Supersushi, supergeil!“ Damit wurde Friedrich Liechtenstein über Nacht zum Star.

ZEIT Campus: Herr Liechtenstein, sind Sie jetzt eigentlich ein reicher Mann?

Friedrich Liechtenstein: Für mich ist es schon viel Geld, was ich für die Kampagne bekommen habe. Aber wenn ich als Zivilpolizist oder Lehrer arbeiten würde, hätte ich mehr Geld. Ich besitze seit Jahren bloß ein paar Unterhosen und etwas Kleidung zum Wechseln – mehr nicht. Ich habe nach wie vor keinen Bock, mir etwas zu kaufen. Wenn ich etwas brauche, dann kann ich mir das irgendwo ausleihen.

ZEIT Campus: Aber ein bisschen wird sich Ihr Leben seit dem Edeka-Song doch verändert haben?

Liechtenstein: Ja, ich fahre jetzt auch mal längere Strecken mit dem Taxi, nicht nur kurze. Wenn ich essen gehe, lasse ich mich nicht mehr einladen, sondern lade andere Leute ein. Solche Sachen. Wenn ich wie andere ein Auto hätte und normal meine Miete bezahlen müsste – dann wäre ich ein armer Mann.

ZEIT Campus: Sie müssen keine Miete zahlen?

Liechtenstein: Nein, ich bin Schmuck-Eremit. Ich lebe öffentlich in den Räumen einer Brillengalerie in Berlin. Ich bin Teil der Ausstellung, deshalb darf ich dort umsonst wohnen. Früher lebten Eremiten auf Schlössern, durften sich nicht die Haare schneiden und wurden von Besuchern begafft. Bei mir ist das anders, ein bisschen pflegen muss ich mich schon. Aber ich brauche keine Miete zu zahlen. Trotzdem ziehe ich bald in eine eigene Wohnung.

ZEIT Campus: Sie besitzen fast nichts, Sie kaufen fast nichts, Sie haben nicht mal eine Wohnung. Waren Sie schon immer so drauf?

Liechtenstein: Nein, das habe ich mir nach der Wende langsam erarbeitet, sage ich mal. Früher, in der DDR, hatten meine damalige Frau und ich ein Häuschen und drei Kinder.

ZEIT Campus: Sie haben damals als Puppenspieler gearbeitet. Wie sind Sie dazu gekommen?

Liechtenstein: Auf Umwegen: Ich hatte den utopischen Traum, Algenforscher zu werden. Aber beim Militär habe ich dann gemerkt, dass ich in der Kultur vielleicht besser aufgehoben wäre. In der Zeitung hat meine Frau was über die Schauspielschule hier gelesen. Sie meinte, das ist was für mich. Ich habe mich beworben, und dann war ich dabei.

ZEIT Campus: Was haben Sie hier gelernt?

Liechtenstein: Ich zehre heute noch vom Musikunterricht und von den Körpersachen: Stimmtraining, Tanz, Akrobatik, Pantomime. Witzig war aber auch das sogenannte Mitteltraining: Da konnte man lernen, seine Finger richtig zu bewegen.

ZEIT Campus: Und nach der Ausbildung tourt man durch Gemeindezentren und Turnhallen?

Liechtenstein: Ja, und durch einige Theater. Die DDR war ein merkwürdiges System. Die Dinge, die es in der freien Wirtschaft schwer haben, Puppenspiel zum Beispiel, für die hat der Staat gesorgt. Als Künstler lebte man damals nicht in der Wildnis. Das war eher wie im Zoo.

ZEIT Campus: Aber Sie konnten in der DDR gut leben?

Liechtenstein: Ja, Künstler hatten einen sehr guten Status: schöne Wohnungen, Sozialprestige und gutes Einkommen. Man konnte auf Augenhöhe mit einem Anwalt reden – der war sogar neidisch, weil man eine coole Zeit hatte.

ZEIT Campus: Klingt, als wäre es früher besser gewesen.

Liechtenstein: Na ja, man hatte ein bisschen mehr Bock auf Schlendrian in der DDR. Viele Ideen waren leider nicht richtig ausgetüftelt. Die Häuser waren grau, und die Autos sahen scheiße aus. Das war alles nicht zu Ende gedacht.

ZEIT Campus: Hat das Puppenspielen Sie zum Freak gemacht, oder waren Sie schon vorher einer?

Liechtenstein: Das ist auf jeden Fall eine Freakgeschichte, Puppenspiel hat was Schizophrenes. Wenn man anfängt, mit Flaschen zu sprechen, und ihnen eine Seele gibt – ein bisschen verrückt.

ZEIT Campus: Sprechen Sie noch heute mit Flaschen?

Liechtenstein: Nee, das mache ich schon lange nicht mehr.

ZEIT Campus: Wann ging dieser Tick weg?

Liechtenstein: Dieses Puppenspielerding ging zusammen mit dem Stolz, pünktlich zur Wende. Ich hatte noch einige Auftritte, habe aber gesehen, dass der Status des Puppenspielers im wiedervereinigten Deutschland kein richtiger war, also keiner, auf den man stolz sein konnte.

ZEIT Campus: Dann haben Sie ein neues Leben begonnen und sind nach Berlin gegangen.

Liechtenstein: Ja, ich habe angefangen, Theater zu machen.

ZEIT Campus: Lief das besser?

Liechtenstein: Zunächst schon: Ich habe viele Sachen angestoßen, war ein freier Mann, und die Förderung für Freies Theater war mein Geldgeber.

ZEIT Campus: Und dann?

Liechtenstein: Fiel die Förderung weg. Ganz plötzlich, das war ein Schock. Also, das war schlimm. Was macht man dann? Beruf wechseln, das geht ja nicht so ohne Weiteres.

ZEIT Campus: Sie sagten mal: „Berlin hat mich abtropfen lassen“, und: „Andere wären aus dem Fenster gesprungen.“ Wie war Ihr Leben da?

Liechtenstein: Sehr, sehr schlecht, sage ich mal. Es gab viele Probleme. Das Leben, das ich bis dahin geführt hatte, hat sich zerschlagen. Ich habe immer viel gemacht, aber da war nie so richtig Geld im Spiel. Es gab auch Zeiten, in denen ich dann nichts zu essen hatte.

ZEIT Campus: So schlimm?

Liechtenstein: Nein, ich habe auch das genossen. Ist ja interessant: „Jetzt haste hier 15 Cent, was kaufste dir?“ – „Ja nichts. Kann ich halt mal nichts essen, nehme ich ab.“ Dann hat man doch jemanden getroffen, wurde eingeladen, schwupp, hatte ich was zu essen. Irgendwie bin ich immer durchgekommen.

ZEIT Campus: Wie wurden Sie dann zum Popmusiker?

Liechtenstein: Über die Jahre habe ich mich immer mehr an den Rand bewegt, bin in Clubs unterwegs gewesen. In Mitte kannte mich irgendwann jeder. So bin ich dann auch an Auftritte gekommen. Ich erinnere mich an einen Auftritt, ich hatte einen weißen Anzug an, hinter mir tanzten Go-go-Girls, ich habe meine Songs gesungen, und die Leute sind ausgerastet. Ich dachte: „Wow, das mache ich, das ist das Schärfste. Das ist besser als Theater.“

ZEIT Campus: Warum ist Musik besser?

Liechtenstein: Wie viel Arbeit man hatte, mit den Theaterleuten, mit den Förderanträgen – unglaublich anstrengend. Da musste man immer wieder vermitteln, was man meint, damit das alle verstehen. Und dann singt man einen Song, und die Leute verstehen es!

ZEIT Campus: Ein Journalist des „Playboy“ schrieb schon 2008 über Sie: „Er ist nicht schön, nicht jung, und seine Stimme ist auch nicht wirklich die von Barry White. Trotzdem ist Friedrich Liechtenstein der neue Star in Deutschlands Nachtleben.“

Liechtenstein: Damals schon war ich ein Star, ne?

ZEIT Campus: Hat es sich für Sie nicht so angefühlt?

Liechtenstein: Das war ja das Gemeine an meinem Schicksal. Mir hing die Karotte immer vor der Nase. Die Leute haben geliebt, was ich mache. Ich auch, aber da war nie Geld im Spiel.

ZEIT Campus: In Clubs sollen Sie auch ohne Geld eine magische Anziehung auf Frauen haben …

Liechtenstein: Ja, schon, auch heute noch. Erstaunlich, ich bin ja nun schon alt und kein schicker Mann. Aber ich möchte die Leute erreichen: Ich buhle um sie, das ist eine Balz, wenn man auf der Bühne steht und einen Popsong singt.

ZEIT Campus: Treiben Sie sich viel auf Partys rum?

Liechtenstein: Ja, ist ja mein Job, doch das ändert sich gerade. Ich trete nicht mehr ständig in Clubs auf.

ZEIT Campus: Und wenn doch, sind überall Fans: Selfie hier, Selfie da. Nervt Sie das mittlerweile?

Liechtenstein: Ich verstehe, dass die Leute das mögen. Manche sind höflich, andere übergriffig.

ZEIT Campus: Können Sie noch unbeschwert ausgehen?

Liechtenstein: Man darf nicht mehr alles machen, aber ich will mir diese Narrenfreiheit gerne erhalten.

ZEIT Campus: Früher haben Sie versucht, mit ernsthafter Kunst bekannt zu werden, jetzt haben Sie es mit einer Werbekampagne geschafft. Wie machen Sie jetzt weiter?

Liechtenstein: Ich muss ein neues Schlagwort finden – fernab von „supergeil“. Ich muss irgendwie anders auf mein neues Album aufmerksam machen.

ZEIT Campus: Sie haben doch jetzt viele Fans!

Liechtenstein: Aber die sehen mich ja als Würstchenverkäufer, sogar als den besten Würstchenverkäufer. Und jetzt komme ich und will Waffeln verkaufen. „Der spinnt wohl“, denken die.

ZEIT Campus: Fürchten Sie, dass Sie als Künstler nicht ernst genommen werden?

Liechtenstein: Ein bisschen. In meinen schlechten Zeiten dachte ich, wenn ich morgen sterben würde, würde ich grinsen und denken, wie geil, dass ich dahin gekommen bin, so etwas Merkwürdiges zu tun. Wenn ich heute darüber nachdenke, morgen zu sterben, da wäre ich sauer.

ZEIT Campus: Weil jetzt noch so viel kommen kann?

Liechtenstein: Nein, weil ich nicht der Meister des Geschehens bin, mich dominieren andere Kräfte. Das muss ich wieder hinrücken, damit es wieder ist, wie ich es mir wünsche.

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