Türkische Polonaise oder die Albtraumhochzeit.

Fortsetzung von Lecker Essen aus dem Bananenkarton

Niemanden kümmert, das der Moderator beleidigt den Raum verlässt, denn es werden gerade Knabbereien aus Kartons verteilt, die meisten Sumo-Ringerinnen weiblichen Gäste versuchen mehrere Päckchen zu erhalten und geraten in Diskussionen mit den Verteilern, die die Päckchenvergabe rationieren. Die Mutti neben mir hat eine Tüte mit Sonnenblumenkernen in Schale ergattert und fängt wie eine Maschine an, die Kerne freizuknabbern. Die Schalenreste kleben an ihrem Kinn und an ihren Wangen und bilden kleine Häufchen unter ihrem Platz. All dies tut ihrer Schönheit keinen Abbruch. Ist ja eh alles relativ.

Ich beobachte fassungslos den Vorgang. Doch auch dieses Mal wird meine Faszination unterbrochen. Ein ohrenbetäubender Lärm setzt ein oder wie die Hochzeitsgäste sagen: Musik. Ein Alleinunterhalter legt sich ins Zeug und kann mit seinem Keyboard von Beatles bis türkische Volksmusik alles liefern.

Das musikalische Highlight einer türkischen Hochzeit ist aber „Halay“-Musik. Halay ist quasi die türkische Polonaise. Die Menschen verhaken sich an ihren kleinen Fingern zu einer Reihe. Der erste (Halay-Anführer = Fünf Bonuspunkte auf der Begehrlichkeitsskala) sagt, wo es langgeht, die anderen machen mach. Ich habe nie verstanden, welche Faszination von diesem Tanz ausgeht, aber es scheint etwas mit Gruppendynamik und Zusammengehörigkeitsgefühl zu tun zu haben oder sogar Meditation. So wie Omm oder so. Ich habe Halay-Gruppen sich in Ektase tanzen sehen. Ich glaube sogar, es gibt spezielle Halay-Parties.

Nun, auch auf dieser Hochzeit gibt es den obligatorischen Tanz. Es gilt das Motto, je mehr mitmachen, desto besser. Jeder, der sich in Tanzflächennähe aufhält, wird mitgerissen. Leider sitze ich ebenso, die Mutti neben mir versperrt den Fluchtweg und ich habe große große Angst, dass jemand gleich an meinem Arm zieh…Noch nicht zu Ende gedacht, schon auf der Tanzfläche! Ich muss mit zwei mir völlig unbekannten Frauen Fingerhakeln und die Bewegungen der anderen mitmachen. Das ist eine Herausforderung zu viel für mich. Hand-Fuß-Koordination ist echt nicht meine Stärke, schon zu Tanzschulzeiten wurde mein Misstalent entdeckt und ich ging dann in den Schachverein.

Erst laufe ich einfach so mit, und versuche mir die Schritte einzuprägen, aber da ist keine Chance. Es ist keine Zeit zum üben, die Polonaise zieht weiter, ich muss da durch.   Ich fange an zu schwitzen, als ich versuche, die Schultern rhythmisch zu wackeln und dabei den Schrittwechsel hinzukriegen. Die Frau rechts von mir ermuntert mich: „Es ist ganz einfach!“. Wenn es so einfach wäre, würde ich dann schwitzen du **%&§“*##*? denke ich, kann es aber nicht sagen, die Schrittfolge erfordert mein gesamte Koordination.

Oh, nein! Taktwechsel! Die Musik wird schneller, die Schritte auch. Hand, Fuß, Kopf, was ist los? Hilfeeee! Die nächsten Sekunden spielen sich wie in Zeitlupe ab. Meine Füße verknoten sich, ich werde aber von meiner Nebentänzerin mitgezogen. Zusammen entwickeln diesen beiden Aktionen eine enorme Dynamik, die mir das Gleichgewicht nimmt und mich stürzen lässt. Ich möchte aber nicht einfach so mit dem Gesicht nach vorne fallen, vielleicht kann mich die Nebentänzerin doch aufhaaaaaaaaaaaaaaa..

Im Fall grabsche ich der Nebenfrau an den Busen und umschlinge ihre Taille. Sie wiederum versucht meine Hilfsversuche abzuwehren, aber irgendwie fallen wir eng umschlungen auf den nächsten Tänzer, der wiederum auf den nächsten usw. Kurzum, es gibt ein menschliches Domino-Spektakel. Die Empörung ist groß, die Truppe stand kurz vor dem ekstatischen Gipfel. „Was ist passiert?“, „Wer war das?“ wird in die Runde gefragt.

Die Musik trötet weiter, die ersten richten sich wieder auf, als ich mich klammheimlich von der schrecklichsten Hochzeitsfeier meines Lebens davonschleiche.

Ich habe seitdem nie wieder eine Hochzeit besucht. Bin aber auch nie wieder eingeladen worden, fällt mir gerade auf.

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