Lotte fährt Bahn

Steige in die Bahn, zum Glück in die richtige Richtung. Gehe zum Automaten. Auf dem Weg dorthin nimmt die Bahn mit Höchstgeschwindigkeit eine 90 Grad Kurve. Ich werde durch den Waggong geschleudert und weiß nicht, wo ich mich festhalten soll, aber ich brauche mich gar nicht entscheiden, das macht die Schwerkraft für mich. Ich falle auf einen sitzenden Mann drauf, der nicht weiß, wie er reagieren soll, ich weiß es leider auch nicht, aber im nächsten Moment umarmen wir uns ganz feste. Ich richte mich auf, es ist uns beiden sehr peinlich. Ich mache noch schnell einen dummen Spruch, ich glaube sowas wie: „Hihihi, Sie haben aber ganz schön doof geguckt!“ und setze meinen Gang zum Automaten fort.

Um das lästige Kleingeld loszuwerden und den Fahrkartenautomaten adäquat zu füttern, sammle ich zuhause in der potthässlichen wunderschönen Vase, die mir Schwiegermutter schenkte, Geldmünzen. Als gut organisierte Person (ist gelogen, ihr wisst es) nehme ich vor Straßenbahnfahrten immer den genau abgezählten Betrag für die Fahrkarte mit. Offensichtlich habe ich mich aber diesmal verzählt. 2,60€ bräuchte ich, aber komme nur auf 25 10-Cent Stücke. Daher beginnt eine hektische Suche in sämtlichen Jacken- und Hosentaschen. Na, wer sagt’s denn: zwischen geschmolzenem Lakritzbonbon, das sich mit einem gebrauchten Taschentuch vereint hat und einer abgebrochener Kinderhaarspange klebt eine Münze. Ich pule sie sauber und schmeiße Cent für Cent in den Schlitz, mit Bedacht.

Bis Münze Nummer 25 klappt es auch, aber Münze 26 wird einfach nicht angenommen. Daher greife ich zu Trick 17, dessen Wirksamkeit in verschiedenen EU-finanzierten klinisch wirksamen Studien nachgewiesen worden ist: ich schleife die Münze an dem Automaten. Ältere Schleifspuren deuten auf das erfolgreiche Schleifen anderer vor mir. Werfe die nun geschliffene und optimierte Münze in den Schlitz. Aber der Schleifprozess hat zu lange gedauert, der Vorgang wird abgebrochen. Als hätte ich den Jackpot geknackt, spuckt der Automat alle Münzen wieder aus, es klimpert wie verrückt. Ich grapsche die Münzen aus dem Münzenempfangsfach. Jede einzelne für sich, mit Bedacht. Ich sammle sie in meiner Hand und zähle mit Bedacht nach, ob der fiese Automat nicht eine für sich behalten hat. Nee, alle 26 Münzen da. Ich will gerade den Münzeinwurfprozess beginnen, als der Gong ertönt: „Nächster Halt: Jan-Wellem-Platz“. Ach, Mensch, da muss ich ja raus. Tschüüß.
Wiederhole Vorgang, bis Zielhaltestelle erreicht ist.

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