Mein Gesicht: Eine Herausforderung für Photoshop, Teil1

In einer Parallelwelt bin ich eine erfolgreiche und seriöse Geschäftsfrau. Nicht. Aber ich bin stets bemüht, so zu tun, als ob. Wichtig für diesen Anspruch ist, dass man ein hochprofessionelles Bizznizz-Foto machen lässt, das man dann in den sozialen Netzwerken als Profilfoto hochlädt. Zum hochprofessionellen Fotografen habe ich meinen Nachbarn auserkoren, der irgendwas mit Medien macht.  Er ziert sich erst und sagt, dass er kein Fotograf sei und empfiehlt mir einen guten. Ich sage: „Du kannst doch wohl’ne Kamera halten!“ Er gibt zu bedenken, dass er überhaupt keine besäße. Blöd. Aber ich bin lösungsorientiert und weiß, wo der Mann seine Kamera versteckt, damit ich sie nicht ungefragt ausleihe und leihe sie mir ungefragt aus. In der Kameratasche sind mehrere Objektive. Eine davon ist bestimmt passend.

So, das technische Eckwippment ist parat, der Fotograf verpflichtet, jetzt müsste nur noch das Gesicht mitspielen. Schade. Wegen einer neuen Kosmetika-Allergie ist es an dem Tag besonders verquollen und sieht so aus, als hätte ich die ganze Nacht Whisky getrunken und durchgeheult. Die Augen sind nur noch Schlitze, die Nase doppelt so breit, ungefähr in der Form einer Aubergine. Der selbstgeschnittene und zu kurze Pony macht den Anblick nicht besser.  „Ach was,“ denke ich, „das sieht man auf den Fotos bestimmt nicht. Und außerdem gibt es ja Photoshop.“

Also gehe ich hoch zu dem Nachbarn und klopfe an der Tür. Der Nachbar macht auf,  guckt mich wortlos an und sagt: „Vielleicht verschieben wir das Shooting.“ Ich bin empört: „Was? Wieso? Kann man da nichts mit Photoshop machen?“ Der Nachbar zieht eine Augenbraue hoch: „Hast du Kühlpads? Vielleicht quillst du damit ab.“ Verdammt! Ich stapfe runter, nehme das Kühlpad aus dem Tiefkühlfach  und presse es auf mein Gesicht. Nach einer halben Stunde ist das Gesicht taub und ich meine, eine Reduktion seines Umfangs zu erkennen. Ich stapfe wieder hoch und klopfe wiedder an. Der Nachbar öffnet die Tür. Ich bin gut drauf: „So, jetzt müsste es gehen!“. Der Nachbar schaut in mein Gesicht, zieht wieder eine Augenbraue hoch und sagt nichts. Weil ich auch nichts sage und keine Anstalten mache, wieder zu gehen, muss er wohl oder übel das Beste aus der Situation machen.

Das Shooting geht los

Erst suchen wir eine Stunde nach der Stelle in der Wohnung, die das beste Licht bietet. Es gibt sie nicht. Daher weichen wir auf das Treppenhaus aus, das ein gute Oberlicht hat. Tatsache, hier gibt es gutes Licht und zwar auf den Treppenstufen und direkt vor Frau L.‘s Wohnungstür. Wir entscheiden uns für Frau L.‘s Wohnungstür. Problem: es prangt noch ein selbstgemachtes Salzteig-Schild aus dem letzten Jahrtausend an der Tür, auf dem „Hier wohnt Familie L.“ oder sowas drauf steht. Soweit ich weiß, ist Frau L.‘ seit ca. zehn Jahren Witwe und ihre Kinder sind auch im Rentenalter.

Die Jahrzehnte haben dem Schild zugesetzt, und wir möchten es lieber nicht anfassen, weil es dann bestimmt zu Staub zerfällt. Wir beschließen daher, die Tür irgendwie abzudecken. Der Nachbar überlegt, womit wir das machen könnten und hat einen genialen Einfall: hinter seiner Couch ist eine abgehängte Tür, die wir an Frau L.‘s Wohnung anlehnen könnten!  Eine Tür, die wir an die Tür anlehnen. Echt surreal. Irgend wie muss ich an René Magritte denken.

6 Gedanken zu “Mein Gesicht: Eine Herausforderung für Photoshop, Teil1

  1. Hüüülfe! Ich kann jezt schon nicht mehr! Soll heute Abend auf ein Geburtstagsessen. Ich fürchte, ich werde dann sehr verquollen aussehen, weil die Lachtränen auch nicht gerade förderlich für in die Jahre gekommene Gesichtshaut sind. Welche Kühlpads sagtest du…?

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