Der buckelige Wolf (Vac-Woman 3)

Nachdem Dianas Frisörstube zugemacht hatte, fand Marisa schnell eine neue Anstellung in „Monique’s Haarpalast“. Dieser Frisörladen war der angesagteste in der Stadt und beschäftigte sehr viele Frisöre. Hier wurden die höchsten Frisuren kreiert und das Ambiente war einem Palastinterieur im Gusto von Louis XIV – XVII nachempfunden. Die Frisörinnen selbst mussten auch Kostüme tragen, die nicht unbedingt einer Epoche entstammten, vielmehr Monique’s Fantasie einer Märchenwelt entsprungen waren.

Marisa hatte Pech bei der Kostümzuordnung gehabt. Während ihre Kolleginnen Elfen, Prinzessinen und Frau Holle darstellen durften, musste sie das Kostüm eines buckeligen Wolfs tragen. Der Buckel war schwer, damit er möglichst authentisch wirkte, darauf legte Monique sehr viel Wert. Das Kostüm war aus echtem Wolfsfell und müffelte sogar authentisch.

Marisa schwitzte tierisch und ihre Bewegungsfreiheit war ziemlich eingeschränkt. Sie beschwerte sich mehrmals, aber Monique ließ nicht mit sich reden: Der bucklige Wolf war sehr beliebt bei den Kunden, einige waren traurig über die Behinderung des Wolfs, wiederum andere sahen in dem Buckel die gerechte Strafe für das, was der Wolf Rotkäppchen, den sieben Geißlein und den drei Schweinchen angetan hatte. Einmal kassierte sie sogar einen Tritt vom Kind eines Kunden.
Von ihren netten Kolleginnen erntete sie mitleidsvolle Blicke, aber es gab zwei Frisörinnen, die sie verspotteten und auslachten. Beatrice und Christiane waren sehr hübsch, Moniques Lieblinge und sehr begehrte Frisörinnen. Sie durften Prinzessinenkostüme tragen und blickten auf alle anderen herab. Es gab lange Wartelisten für ihre Dienste und Kunden brachten ihnen teure Geschenke mit, um sie bei Laune zu halten.

Ach, Agnetha (Vac-Woman 2)

Obwohl Marisa immer wieder Komplimente zu hören bekam, wie hübsch sie sein, konnte sie sich nicht so recht mit ihrem Aussehen anfreunden. Ihre Mutter hatte immer von Agnetha geschwärmt. „Schau sie dir an! Ist sie nicht wunderschön? Diese Haare, diese Figur! Ich wäre so gerne wie sie!“ Marisa aber war dunkelhaarig und konnte nichts von Agnetha an sich entdecken. Sie ähnelte ihrer Mutter, diese war etwas klein und pummelig geraten und ihre Haare sahen eher aus wie ein Vogelnest als eine Frisur und einmal hatten sie sogar ein kleines Ei darin gefunden, das ein verwirrter Vogel dort abgelegt hatte.

So war auch Marisa nicht besonders groß und hatte aber einen eher jungenhaften Körper. Eigentlich war sie zufrieden mit ihrer Figur, aber manchmal ärgerte sie sich über ihre geringe Oberweite. Mit Sorge betrachtete sie außerdem, dass der Umfang ihres Bauches jährlich zunahm, ebenso wie der ihrer Oberarme. Sie trainierte fleißig im Fitnessstudio dagegen an, aber anscheinend baute sie schnell Muskeln auf und als ihre Oberarme mehr Umfang als die ihres Trainers bekamen, hörte sie damit auf.

So gerne hätte auch Marisa ein Gesicht wie Agnetha gehabt, aber ihr Gesicht war fast eckig. Als sie noch ein Kind war, nannte sie ihre Mutter zärtlich „Würfelköpfchen“. Mit sehr aufgebauschten Frisuren versuchte sie ihr Gesicht optisch runder und weicher wirken zu lassen. In den 80’er Jahren hatte ihre Frisur einen Durchmesser von 70 cm.

Marisa vermutete, dass sie ihre Augenfarbe von ihrem Vater hatte. Sie waren braun-grün und je nach Licht dominierte die eine Farbe. Ihre Gesichtszüge waren fein und ausdruckstark, selten konnte sie einen Gemütszustand verbergen. Bei schlechter Laune zogen sich ihre Mundwinkel nach unten und ihre schön geschwungenen Lippen wurden schmal. Ihre Nase machte Marisa zu schaffen, auf den ersten Blick wirkte sie gerade, aber bei näherem Hinsehen konnte man sehen, dass sie eigentlich einen Linksdrall hatte. Auf Fotos malte Marisa immer ihren Nasenrücken mit einem Stift nach und maß mit einem Geo-Dreieck nach, welchen Grad die Krümmung hatte, wenn sie unter 13 Grad war, war sie zufrieden

Der schwüle Sommerwind im Dortmunder Hafen (Vac-Woman 1)

Marisa kam aus dem Ruhrgebiet, sie war hier geboren und aufgewachsen. Bis auf kurze Strandurlaube in Holland hatte sie die Heimat kaum verlassen. Auch ihre Mutter stammte aus dem Pott, eine starke, schöne Frau, die man als „Kämpfernatur“ bezeichnen würde. Ihren Vater hat Marisa nie kennen gelernt, sie wusste nur, dass er einen Migrationshintergrund hatte, der ihr einen üppigen Damenbart beschert hatte. Jeden Morgen, wenn sie ihn abrasierte, verfluchte sie ihren Erzeuger.

Ihr Vater hatte ihre Mutter verlassen, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Er gaukelte ihr Freude vor und sagte, er ginge los, um Sekt zum Feiern zu besorgen. Nach zwei Wochen erhielt Marisas Mutter eine Postkarte aus Kiel, in der ihr Vater bekundete, dass es ihm leid täte, aber er könne sich jetzt nicht um eine Familie kümmern. Er wolle sich noch selbst verwirklichen und als Schlagersänger durchstarten. Sein selbstgeschriebener Song über einen schwülen Sommerabend im Dortmunder Hafen war in den Kneipen der Nordstadt gut angekommen. Er war sich sicher, mit diesem Lied deutschlandweit durchstarten zu können. „Meine Stunde wird noch kommen!“ soll er immer gesagt haben. Auf iTunes fand Marisa den Song nie, aber auch in Bravo und Popcorn fand sie keine Notiz über einen Hit dieses Inhalts.

Obwohl Marisa immer wieder nachgefragt hatte, hielt sich Marisas Mutter über den Verbleib ihres Vaters bedeckt. Sie schien auch keinen Groll zu hegen und sich mit der Situation gut abgefunden zu haben.

Marisa aber konnte nicht abschließen. Sie wollte ihren Vater kennen lernen. Vielleicht war er mit einem anderen Hit berühmt geworden? Sollte sie einen erfolgreichen prominenten und reichen Vater haben? Regelmäßig las sie die Klatschzeitschriften und suchte in den Gesichtern der abgebildeten Prominenten eine Ähnlichkeit mit sich zu finden. War es vielleicht Robert Weiß, der spaßige unter den Schlagersängern?