Der Papst. So süß.

Vielleicht mag aus meinen Erzählungen hier der Eindruck entstanden sein, das meine Schwiegers sich nicht für Kunst oder Kultur interessieren. Dieser Eindruck ist richtig. Warum sie trotzdem das Schokomuseum in der nächstgrößeren Stadt besichtigten, weiß ich nicht. SchwiegerM war auf jeden Fall hin und weg. Sie zeigte mir Bilder von überdimensional großen Peppa Pig-Torten mit quietschbuntem Zuckerguss und andere Schweinereien.

Ihre verkalkten Finger wischten flink über das Display und eine optische Grausamkeit jagte die nächste. Für einen Moment, aber hielt sie inne. „Jetzt kommt was ganz Tolles!“ sagte sie, tippte ehrfürchtig und zeigte mir dieses Bild:

papst Schokolade

Endlich Ruhe.

Der Nachmittag in der Stadt mit der neunköpfigen Gruppe verläuft unspektakulär, zumindest ist dies in meiner etwas schwammigen Erinnerung so. Es kann auch daran liegen, dass wir unzählige Kneipen passieren auf der Route, die Onkel ausgesucht hatte. Nun, genau genommen passieren wir sie nicht, wir besuchen sie.

In jeder Kneipe wird Onkel mit Namen begrüßt, es gibt nur Bier zu trinken und  Frittiertes zu essen. Ich frage nicht mehr, was der Inhalt des vor Öl triefenden Teigmantels ist. Lammhoden, abgehackte Kellnerfinger, Schweineaugen oder Kuhhörner. Der Spanier ist alles, Hauptsache frittiert!

Ziemlich gut gelaunt kommt die Gruppe zuhause an. Es soll sich ausgeruht werden, den Mann und mich freut das sehr, weil wir fälschlicherweise denken, Ausruhen hätte etwas mit Ruhe und Untätigkeit zu tun. Es hat aber jeder eine andere Definition davon, anscheinend.

Onkel zieht sich zurück in sein Büro und bahnt sich den Weg durch die zu Substanz gewordenen Staubschichten zum Schreibtisch frei. Auf diesem steht ein Monitor, der ungefähr mein Alter haben dürfte. Und weil der dazugehörige Rechner seit dem Auszug der Kinder in den 90’er Jahren nicht mehr so regelmäßig aktualisiert wird, sind auf dem Bildschirm hauptsächlich Warnungen zu sehen, dass irgendetwas installiert oder aktualisiert werden muss.

Onkel kann anscheinend gut damit umgehen, er hackt konzentriert mit der Einfingersuch-Methode auf der Tastatur rum. Danach möchte er Telefonate führen. Leider hat die Telefonanlage aufgrund unsachgemäßer Bedienung gewisse Dysfunktionen und ein Eigenleben entwickelt. Bevor Onkel überhaupt jemanden anruft, lässt er daher das Telefon erstmal probeklingeln und schreckt den dösenden Mann auf.

Beim Funktionalitätscheck stellt Onkel fest, dass er in seiner Abwesenheit von einer fremden Nummer angerufen worden ist. Onkel misstraut grundsätzlich jeder Nummer, die nicht mit einem Namen in seinem Telefon hinterlegt ist. Er rennt mit dem Telefon zu SchwiegerM und fragt sie, ob sie wisse, wem diese Telefonnummer gehöre. Sie überlegt kurz, zählt verschiedene Schwestern und Cousinen auf und rekonstruiert die letzten Telefonate. Tatsache, es könnte Tante sein, die hatte an dem Tag nur zweimal angerufen.

Man beschließt, zurückzurufen. Es geht aber keiner dran. Wie kann das sein? Tante müsste doch zuhause sein! Panik macht sich breit! SchwiegerM ruft sofort Cousine an: „Weißt du, wo Tante ist?“ Cousine ist von der Panik sofort angesteckt: „Oh, Gott! Sie wollte doch Eintopf kochen! Sie müsste zuhause sein!“ Die Telefonkette wird initialisiert. Der Mann ist genervt und meckert.  Kindi möchte Tombola spielen und weint.  Ich zähle die Fettspritzer am Küchenschrank und schwanke zwischen Putzzwang und Ignoranz. SchwiegerV bewahrt stoische Ruhe und öffnet eine Dose Bier.

Minütlich gehen nun Status-Updates auf Mobil- und Festnetztelefon ein. Die letzten Stunden in Tantes Leben werden rekonstruiert. Ein Cousin hatte sie zuletzt lebend mit einem Suppenhuhn in der Küche zurückgelassen.

Endlich kommt der erlösende Anruf. Es ist Tante, extrem schlecht drauf. Sie flucht sehr lange und laut. Sie saß auf dem Klo und als sie mit den Krücken rumhantierte ist der Badezimmerschlüssel ungünstig hingefallen und aufgrund ihrer nachoperativen Immobilität konnte sie ihn nicht so schnell aufheben, der Mann war auf dem Balkon und hat nichts gehört (ich sage doch, der ist taubstumm!). Während Tante MacGyver-ähnliche Gadgets konstruierte, um den Schlüssel wieder aufzuheben, hat das Telefon unablässig geklingelt und sie vollends in den Wahnsinn getrieben. Coño!

Tutti completti: Alle Mann an Board.

Jetzt, da der Gatte auch da ist, geht das Programm richtig los. „Jetzt machen wir endlich die Familienbesuche!“, kündigt SchwiegerM an. „Aber wir haben doch jeden Tag Familienbesuche gemacht!“, wende ich ein. Sie hört mich aber nicht, weil sie sich wieder in eine Telefonzentrale transformiert hat. Sie initiiert eine Telefonkette, um folgende Informationen zu verteilen:

1. Ihr Sohn ist in Madrid angekommen (Begeisterungsstufe: Der Heiland ist geboren)
2. Es wird mehrere Familientreffen innerhalb der nächsten 48 Stunden geben.
3. Sie hat Hühnersuppe gekocht.
4. Tante hat Eintopf gekocht.
5. Auberginen kosten auf dem Markt 2,99 €/kg, aber im Carrefour 3,09 € / kg.

Der Mann indes ist rauchen gegangen in der Küchenkammer, die mit Fenstern ausgestattet ist. Dieser Raum wird multifunktional benutzt. Er erfüllt Zwecke wie Vorratskammer, Waschküche, Raucherbereich und Wäsche wird auch aufgehangen. Der Mann steht da deswegen eingezwängt zwischen Kartoffeln und Wischmopp, sein Kopf ragt in die zum Trocknen aufgehängten Unterhosen von Onkel und SchwiegerM und er bläst den Rauch brav aus dem Küchenfenster raus. Der Wind trägt ihn dann durch das Wohnzimmerfenster wieder in die Wohnung.

Als der Mann die Kammer verlassen will, kann er erleben, was es bedeutet, wenn die Putzfrau ihre kranke Mutter in Rumänien besucht (offizielle Version). Seine Pantoffeln bleiben auf dem Küchenboden kleben und er läuft auf Socken weiter. So kann er auch jeden einzelnen Krümel und die Klumpen spüren, der sich in den letzten Monaten auf dem Boden angesammelt haben. Es ist ein bisschen wie Indoor-Trekking. Der Mann macht sich fertig, ist etwas enttäuscht darüber, dass sein Hemd im Koffer die Struktur einer alten Schatzkarte angenommen hat, aber hey, es ist bügelfrei und muss nicht gebügelt werden.

Bevor die Freizeit losgeht, hat der Mann noch ein wichtiges Arbeitstreffen mit der spanischen Dependance seines Arbeitgebers. Das Arbeitstreffen beginnt um 13:00 in einer Kneipe und wird dann in ein Restaurant verlegt. Gegen 16:00 Uhr schickt er mir eine Nachricht, dass gerade das Dessert serviert worden ist. Gegen 17:00 Uhr haben sich alle Kollegen in dem Konferenzraum eingefunden und man arbeitet oder so bis 19:00 Uhr. Danach Abendessen.

Da der erste Tag des Arbeitstreffens nicht so produktiv gewesen ist, beschließen alle, am nächsten Tag früher loszulegen. Man einigt sich auf 11:00 Uhr. Der Sekretärin hatte aber schon für 13:30 Uhr einen Tisch für das Aperetif reserviert. Ja, da kann man nichts machen, muss man hingehen. Danach Kaffeetrinken. Gegen 15:00 Uhr verlässt der Gatte mit Magenbeschwerden das Manager-Seminar und die Sippschaft trifft sich nun vollzählig in der Stadt.

Es war doch Terminal A!

Am Abend kommt der Mann in Madrid an. Er geht zum Ausgang 6 in Terminal A. Er wartet. Onkel und SchwiegerV warten auch. Irgendwann ruft Onkel den Mann an.

Onkel: Wo bist du?

Mann: Am Flughafen

Onkel: Wir auch.

Pause.

Onkel: Wir sehen dich nicht.

Mann: An welchen Ausgang seid ihr denn?

Onkel: Ausgang 6.

Mann: Ich auch.

Onkel: Komisch, wir sehen dich nicht.

Pause.

Mann: An welchem Terminal seid ihr denn?

Onkel: B.

Mann: Ich bin in A!

Onkel: Warte, wir kommen zu dir.

Der Mann weiß, wie es um die Fahrkünste, die Reaktionsgeschwindigkeit und Orientierungssinn der beiden Herren bestellt ist.

Mann: NEIN, auf keinen Fall! Ich komme zu euch.

Es folgt eine fünfminütige Diskussion darüber, wer zu welchem Terminal fahren soll. Der Mann setzt sich durch und fährt mit dem Shuttle Bus zu Terminal B. Überraschend finden sich alle an dem vereinbarten Treffpunkt, der spannende Teil des Abends beginnt. Onkel fährt.

Der Mann hat mir später exakt die Fahrweise beschrieben, die ich auch mehrmals beobachtete: Die bevorzugte Spur ist die mittlere, unabhängig von der Geschwindigkeit. Die pendelt sich irgendwo zwischen 50km/h- 60km/h ein. Der voreingestellte Gang ist der zweite. Zwischendurch wechselt Onkel die Spur, mit welcher Motivation, konnte der Mann auch nicht herausfinden. Obligatorisch ist, dass kurz vor Einfahrt in die Stadt die falsche Ausfahrt genommen wird. Onkel flucht. Es ist Hauptverkehrszeit. Sie fahren eine Stunde im Schritttempo durch Madrid.

Irgendwann, kommen alle ermüdet und schlecht gelaunt zuhause an. Die Abholaktion hat fast vier Stunden gedauert, obwohl der Flughafen nur 15 km entfernt ist. Die Ursachenforschung beginnt und die Schuldige ist ausgemacht: Ich. Warum? SchwiegerV hatte mich gefragt, ob ich wüsste, in welchen Terminal der Mann abzuholen sei und ich sagte, ich wisse es nicht. Daraufhin, seien sie zum falschen Terminal gefahren usw. Dios mio!

 

Donu oder Dona, das ist hier die Frage!

Ihr wisst ja, dass viele Sprachen keine Umlaute kennen. So auch die spanische. Ich bin der Meinung, dass mit etwas Geneigtheit auch die Seniorenzunge nachträglich ein ü oder ö sprechen könnte, aber lassen wir das. Warum ich dies nun thematisiere:

Gestern trug sich Folgendes zu. Schwiegers kamen zu einer von ihrer Seite initierten Stippvisite vorbei. Höflich, wie ich bin, frage ich: „Habt ihr Hunger?“ Jetzt passt genau auf!

SchwiegerM: Wir haben ein Donu gegessen. Wir sind satt.
Ich: Aber Donut ist doch kein Essen!
SchwiegerM: Für uns schon. Das hatten wir schon lange nicht gegessen.

Klar wundere ich mich, warum man Donuts zum Mittagessen hat, aber die Senioren ticken nun Mal anders. Ich arbeite also weiter, SchwiegerM spielt mit Kindi. Ab und zu stößt sie spitze Schrei aus, wie Möwen, wenn sie sich auf Essen stürzen. Am Abend kommt der Mann nach Hause. Höflich wie er ist, fragt er: „Habt ihr Hunger?“ Jetzt passt noch Mal auf:

SchwiegerV: Wir haben ein Dona gegessen. Wir sind satt.
Mann: Ach so.
Ich: Aber ein Donut ist doch kein Essen!
Mann: Nicht Donut, Döner haben sie gegessen.

Welches Terminal darf es sein? A oder B?

Wieder ein neuer Tag und noch nie kam mir die Abwesenheit von Zuhause so lang vor. Jalousie hoch. Blick runter in den Garten: Oh, es ist nur ein Obdachloser da und er schläft. Auch keine Katze weit und breit, komisch. Aber auf Conchita Jesus ist Verlass. „Guten Morgen!“ sage ich „Buenos dias.“ haucht er zurück. „Diese Woche ist deine Prüfung.“ sagt er und hebt den Finger.

SchwiegerM hat anscheinend lauernd vor der Tür gestanden, reißt sie auf und schmeißt sich mit Karacho auf Kindis Bett und will schmusen. Kindi hat noch schlafverquollene Augen und will in Ruhe gelassen werden. Es gibt eine kleine Rangelei, SchwiegerM verlässt beleidigt das Zimmer.

Ich schlurfe ins Wohnzimmer, dort sind mehrere Senioren anzutreffen. Heute soll der Mann nachkommen und sie möchten ihn abholen. Der Tag ist um dieses große Ereignis herum geplant. SchwiegerM hängt wieder am Telefon. Sie informiert Tanten 1-4, dieser wiederum informieren 5-7, außerdem jede Tante die angehörigen Cousins und Cousinen. Sie brauchen kein Facebook.

Schwiegervater fragt: „In welchem Terminal kommt dein Mann denn an?“ Ich sage: “Keine Ahnung.“ SchwiegerV guckt irgendwie, sagt aber nichts und geht weg.

Später stellt sich heraus, dass seine Frage hätte lauten sollen: „Kannst du bitte in Erfahrung bringen, in welchem Terminal dein Mann ankommt?“ Und ich hätte sagen sollen: „Warte ich schaue eben nach.“ Nun, es gab ein gewisses Kommunikationsproblem, in dessen Folge drei Menschen viel Zeit am Madrider Flughafen verbrachten und zwar in den Terminals A und B, aber nie zur gleichen Zeit.

 

Kennt ihr Uwoassa?

Auch auf der Rückfahrt werde ich von Todesängsten begleitet, aufgrund einer Baustelle kann Onkel den gewohnten Weg nicht nutzen, das macht seine Fahrweise noch unberechenbarer. Seit Tagen wird nämlich eine Straße geteert, immer und immer wieder. Mal die rechte Seite, dann die linke Seite, dann beide Seiten zusammen. Ist wohl eine spanische Technik.

Warum auch immer, Onkel verfährt sich in seinem eigenen Viertel! Anscheinend eine Schmach für einen so routinierten und ehrenvollen Autofahrer, der immerhin seit 40 Jahren im zweiten Gang durch Madrid fährt. Wie er auch lenkt und wendet, immer wieder stoßen wir auf Einbahnstraßen und Baustellen. Das erste Mal höre ich Onkel fluchen und zwar ganz schlimme Flüche. Irgendwann, ca. 26 Wendemanöver später, erreichen wir Onkels Haus.

Ich bin geschafft, aber es gibt noch Abendprogramm. Kaum in der Wohnung angekommen, greift SchwiegerM zum Telefon und informiert Cousins, Cousinen und diverse Schwestern über die Einzelheiten unseres Tantenbesuchs. Besonders hervorgehoben wird, dass ich Tantes Eintopf gegessen hab. Im Gegenzug informieren die Cousins, Cousinen und Schwestern SchwiegerM darüber, was sie zu Mittag gegessen haben und über ihre Pläne am Abend (Abendessen).

DingDong. Die Nachbarin ist da. Heute trägt sie einen pinkfarbenen Lippenstift, den sie in kubistischen Formen in der von ihr vermuteten Nähe der Lippen aufgetragen hat. Die Nachbarin ist aufgeregt, denn sie hat ein neues Handy. Sie möchte unbedingt Textnachrichten mit ihrem Sohn austauschen, aber weiß nicht, wie Uwoassa funktioniert, ob ich denn nicht helfen könne. „Was ist den Uwoassa?“ frage ich. „Damit kann man doch Nachrichten und Bilder schicken! Du machst das doch auch!“. „Hmm? Nee, kenne ich nicht!“ Ich vermute eine spanische Nachrichten-App. Die Nachbarin zeigt sie mir auf ihrem Smartphone. Ich kenne diese App! Für einen Moment bin ich irritiert, blockiert, total durcheinander. „Aber das ist doch WhatsApp!“ rufe ich aus. „Ja, genau!“, sagen die Alten, „Uwoassa!“ Da soll Mal einer drauf kommen!

Ich erkläre ihnen die Grundzüge der App, SchwiegerM hört fleißig zu und ich befürchte das Schlimmste. Ich bin mit meinem Workshop noch nicht zu Ende, da sehe ich, wie die etwas in die Jahre gekommenen und daher ungelenkigen Finger der Nachbarin auf dem Display ungeschickt rumgleiten. Zack! hat sie schon dem Sohn die erste Nachricht geschickt und Zack! die zweite und die dritte.

Ping! Kommt die Antwort vom Sohn: „Liebe Mama, ich würde dich besser verstehen, wenn du mir Nachrichten auf Spanisch schriebest.“