Die mediterrane Achse

Die mediterrane Achse ist meine explosive familiäre Verbindung aus Spaniern, Italienern und Türken. Jahrelang rollte ich mit den Augen und schlug die Hände über den Kopf zusammen oder steckte mir die Finger in die Ohren. Aber dann dachte ich: Hey, andere sollen auch miterleben dürfen, wie es ist, ins Kreuzfeuer der Schallwellen zu geraten, die jenseits der von WHO empfohlenen akustischen Höchstgrenzen liegt. Ich glaube, einmal hat sich sogar ein Garagentor geöffnet, als SchwiegerM einen Freudenschrei ausstieß.

Auf der Startseite gibt es immer wieder Posts zu den interkulturellen Interferenzen unter der Rubrik Mediterrane Achse. Auf dieser Seite habe ich meine Woche in Madrid chronologisch zusammen geführt.

Eee Macarena: Ankunft in Madrid

Ich finde, ich habe superschnell und professionell gepackt. Mit nur einem Handgepäck und einem Rucksack für Kindi und mich befinde ich mich in den oberen Ligaplätzen der Wenig-Mitnehmer und bin sehr stolz darauf. Ich bestelle ein Taxi und es kommt erwartungsgemäß zu spät, so dass Kindi und ich noch die Gelegenheit nutzen, uns vom deutschen Regen befeuchten zu lassen, während wir draußen warten.

Noch bevor wir die erste Ampel erreicht haben, fragt Kindi, wann wir endlich in Spanien sind. Auch der Taxifahrer möchte, dass wir schnell da sind und gibt ordentlich Gas, in Kurven fährt er ungebremst rein und daher kommt ungebremst die Morgenmilch aus Kindi raus. Ich verreibe schnell das Erbrochene in die Fußmatten, man sieht nichts mehr, aber der Geruch bleibt für immer.

Am Check-in Schalter sagt mir der Iberia-Mann, ich müsse eine Genehmigung vom Mann haben, damit ich mit Kindi alleine verreisen kann. Ich denke, es ist ein Scherz und lache. Er wiederholt den Scherz, ich lache nochmal. Er lacht nicht, da merke ich, er meint es ernst. Anscheinend gibt es eine international nicht befolgte Regel, dass eine Genehmigung des Ehepartners vorliegen muss blabla. Ich kontere mit Ahnungslosigkeit und wende ein, dass dieses eine neue Regelung sein müsse. Er sagt: „Die Regelung gibt es seit 20 Jahren.“ Irgendwie lässt er mich aber ausnahmsweise ziehen.

Wir werden mit Bussen zum Flieger gebracht. Kindi fragt, wann wir endlich da sind. Der Flieger ist vollgestopft. Weil die Lufthansa-Piloten wegen der wirklich unzumutbaren Arbeits- und Lohnbedingungen streiken, sind alle auf Iberia umgestiegen. Neben uns sitzt der der höflichste Mensch, der mir je im Leben begegnet ist. Es ist ein Geschäftsmann aus Belgien, der ständig „Danke“, „Bitte“ sagt und sehr zuvorkommend ist. Kindi und ich benehmen uns und es wird weder gekotzt noch gerülpst. Kindi fragt in 10-Minuten-Takt, wann wir endlich da sind. Wir lesen Sponge Bob und Hello Kitty. Kindi sagt, Sponge Bob sei ein Käse. Ich widerspreche nicht.

Der Pilot macht alle Durchsagen auf Spanisch. Aber irgendwann identifiziere ich ein englisches Wort. Tatsache! Das war ja immer englisch, was der gesprochen hat!

Endlich angekommen, streben wir zum Ausgang. Ich sehe schon vom Weiten zwei alte Leute winken und hüpfen. Es sind Schwiegers. Kindi wird überschwänglich begrüßt. Ich nur schwänglich. Wir gehen zum Parkhaus. SchwiegerM fragt nach Befinden und so, aber während ich antworte, redet sie von etwas Anderem (Obstpreise, Hühnersuppe). Meinetwegen.

Das Auto finden wir schnell, diesmal haben sie sich den Platz aufgeschrieben. Schwiegervater holt das Navi raus und tippt verschiedene Funktionen an. Eigentlich will er aber nur die Adresse eingeben. Die gleiche Straße gibt es wohl auch in Mexiko und in anderen lateinamerikanischen Ländern sowie gleich zweimal in Madrid. SchwiegerV tippt eins an, nach welchem Prinzip, weiß ich nicht. Wir fahren aus dem Parkhaus raus, Schild zeigt: Madrid rechts, das Navi sagt: Madrid rechts. Schwiegervater fährt geradeaus.

Er erweist sich als großer Navi-Anarchist. Er befolgt keine Anweisung und auch Schilder interessieren ihn nur, nachdem wir daran vorbei gefahren sind: „Da hätten wir hin gemusst.“. SchwiegerM stößt spitze Schreie aus dem Hintergrund aus und gibt Hinweise, die dem Navi und SchwiegerV widersprechen. SchwiegerV ist irritiert und überfordert. Er wechselt Spuren, setzt Blinker, beschleunigt, bremst ab, fährt aber immer im dritten Gang. Warum, weiß man nicht. Dabei bewegt er ständig das Lenkrad auf gerader Strecke, so wie Colt Seavers früher in „Ein Colt für alle Fälle.“ Ich muss irgendwie daran denken, dass ich keine Patientenverfügung habe und kontrolliere, ob wenigstens der  Organspenderausweis dabei ist.

Anscheinend sind wir mittlerweile im richtigen Stadtviertel angekommen, jetzt gilt es nur noch, die richtige Ausfahrt zu finden. Das gelingt nicht auf Anhieb, wir fahren mehrfach im Kreis, SchwiegerV legt Wendemanöver der Meisterklasse hin (rückwärts, bergauf auf eine befahrene Straße). Irgendwann fahren wir aber in eine Tiefgarage und parken. Wäre ich Christ, hätte ich drei Kreuze geschlagen, so freue ich mich einfach so. Beim Aussteigen entdecke ich ein Schätzchen, ein uralter Renault und mache schnell ein Foto. Wir fahren dann mit dem Aufzug hoch.

Kunstblumen und Schweineohren: Der erste Abend in Madrid

Oben angekommen, werde ich von einem Meer aus Kunstblumen empfangen, die sich einbetten in eine Einrichtung dem Geschmack von Louis XIV – XVI folgend. Onkel begrüßt uns herzlich, und kramt sofort alle Fotos seiner Enkelkinder heraus, damit Kindi weiß, dass er sich mit Kindern auskennt. Kindi ist sehr unbeeindruckt und klammert sich an mein Bein. Nerv!

SchwiegerV freut sich sehr über meinen Besuch, er hat das Bierlager bis obenhin aufgefüllt und bietet mir sofort eine gut gekühlte Dose an. Es wäre sehr unhöflich, abzulehnen und wir stoßen mit einem dumpfen „Klong“ an. Während SchwiegerM’s Eindrücke der letzten Wochen in akustischen Steno oder so auf mich niederprasseln und ich mein Bier trinke, erscheint ein Cousin im Wohnzimmer. Er war auf der Durchreise und hat eine Siesta gehalten und ist auch genauso schnell wieder weg, wie er erschienen ist. Kaum ist er weg, klopft es an der Tür. Es ist die Nachbarin aus dem 9. Stock, die seit Kurzem auch die neue Freundin von Onkel ist.. Es ist etwas befremdlich, wie die Augen von Menschen jenseits der 70 im Liebesrausch funkeln. Das passt nicht allen so gut, andererseits ist man froh, dass er nicht alleine ist. Die neue Freundin schminkt sich immer, bevor sie Onkel besucht. Farbwahl und –menge sind etwas opulent, aber nun.

Irgendwas wird vom Rat der Alten besprochen und wir machen uns auf den Weg. Man besucht einen ziemlich traurigen Kinderspielplatz, auf dem kein Kind spielen will und geht dann weiter, entlang dieser 30qm-Kneipen, die von Neon-Röhren beleuchtet werden und wo der Müll auf dem Boden liegt. Es wirkt alles etwas trostlos und erinnert an die DDR.

Wir kehren dann ein in der Stammkneipe, die zentral, nämlich an einer stark befahrenen Verkehrskreuzung liegt und bestellen Bier. Außerdem gibt es Chips und irgendwas anderes Frittiertes. Bei dem zweiten Bier fragt SchwiegerV, ob ich Schweineohren essen würde. Ich lache, weil ich diesen Witz sehr lustig finde, aber dann fällt mir ein, dass man das ja in E als Snack isst und setze ein entrüstetes Gesicht auf. SchwiegerV ist sehr amüsiert.

Kindi ist gut versorgt, es gibt überall diese Spielzeugautos die hin-und herruckeln und so dämliche Plastikkugeln, die man für 1€ am Automaten ziehen kann, wo irgendein Ramsch drin ist. Während des ganzen Spanien-Aufenthaltes erpresst sie uns damit („Ich heule sonst.“)

Nach ein paar Getränken gehen wir nach Hause, wo uns dann ein anderer Cousin besucht, ca. 22:00 Uhr. Er kündigt gleich an, dass er nicht lange bleiben könne, weil seine Freundin mit dem Abendessen auf ihn warte. Er verlässt uns gegen 23:00 Uhr.

SchwiegerM und ich machen uns auf, die Betten für Kindi und mich zu beziehen. Wir gehen in ein altes Cousin-Zimmer und für einen Moment fühle ich mich wie Marty McFly im ersten Teil. In dem Zimmer ist die Zeit stehen geblieben! VHS-Kassetten reihen sich neben Schulbüchern aus den `80ern. Selbstgebasteltes und -gesammeltes in dem Regal. Ebenso der Staub ist originär, niemand weiß, wann dieses Zimmer zuletzt von einem Staubsauger oder einem Putzlappen besucht worden ist. Ich aktiviere alle meine Toleranzreserven, auch die Staubschicht auf meiner Brille putze ich tapfer weg. Ich bin mir bewusst, dass meine Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung auf eine harte Probe gestellt werden, aber ich bin bereit, den Kampf aufzunehmen. Eine WG mit drei Männern hat mich gestählt und mein Immunsystem gefestigt.

 

Hier winkte La Leti: Der zweite Tag in Madrid

Die Betten sind bezogen, die entstandenen Staubwolken behindern die Sicht etwas, aber nach einiger Zeit entdecke ich einen Mini-Altar am Kopfende des Bettes. Es ist Jesus, der immer ein wachsames Auge auf Cousin hatte. Als die Abbildung entstand, gab es Conchita Wurst noch nicht. Aber ich muss in dem Moment und in den folgenden Tagen an die Ähnlichkeit denken und weil ich keine Blasphemistin bin, verkneife ich mir einen Witz.

Wir schlafen und werden wohlig warm vom Staub zugedeckt. Am nächsten Morgen scheint die Sonne und bringt mein Raum-Jahreszeit-Kontinuum völlig außer Kontrolle. Aus dem Fenster sieht man Palmen im Frühdunst und Obdachlose im Garten, auch im Frühdunst. Es sind drei Männer, die ziemlich viel Spaß zu haben scheinen. SchwiegerM bringt mir Kaffee ans Bett und in Gedanken gebe ich ihr einen Pluspunkt. Es gibt Frühstück und die Pläne für den Tag werden besprochen. Mein Plan sah vor, dass ich Kindi bei Schwiegers lasse und die Stadt erkunde. Dieser Plan ist nicht konform mit den Plänen des Ältestenrates. Der sieht vor, dass SchwiegerM, SchwiegerV, Onkel und seine Freundin Kindi und ich gemeinsam die Stadt besuchen. O.K. dann machen wir das so. Nicht, dass ich mich entschieden hatte.

Onkel trägt übrigens ein Pflaster auf der Nase und sieht ziemlich verwegen aus. Als ich höre, warum er denn dieses Pflaster trägt, sehe ich ihn in einem anderen Licht. Er ist beim Verlassen des Autos mit dem Fuß am Kabel des Navigationssystems hängen geblieben und ist mit dem Gesicht zuerst ausgestiegen. Dabei ist seine Brille kaputt gegangen und hat ihn auf der Nase geritzt.

DingDong, die Freundin ist da. Sie hat sich wieder schick gemacht und  einen orangefarbenen Lippenstift ungefähr in der Nähe der Lippen großzügig aufgetragen. Onkel selbst ist sehr adrett und braucht ziemlich lange im Bad. Er duftet gut und ist sehr gut angezogen. Die beiden begrüßen sich und wir schauen alle etwas peinlich berührt weg.

Wir gehen jetzt wohl in die Stadt, aber mindestens eine Person der Gruppe ist entweder nicht auffindbar, auf Toilette, Brot holen oder telefonieren. Irgendwann schaffen wir es, geschlossen das Haus zu verlassen und gehen zu Bushaltestelle. Die Straße wird neu geteert und ich als ich sehe, dass Männer mit bloßen Händen und ohne jegliche Schutzkleidung schwere Arbeiten verrichten, frage ich mich unwillkürlich nach der durchschnittlichen Lebenserwartung der Spanier.

An der Bushaltestelle stellt man fest, dass der Bus aufgrund der Baustelle nicht mehr dort halten kann. Ob und falls ja, wo er hält, ist Diskussionsthema der immer größer werdenden Gruppe an der Haltestelle. Verschiedene Routen und Möglichkeiten werden in Betracht gezogen, ein paar Bauarbeiter und mehrere Senioren beteiligen sich angeregt an dem Gespräch. Irgendwann kommt aber ein Bus aus einer völlig undiskutierten Richtung und wir steigen ein.

Der Bus ruckelt, schüttelt, driftet, hupt. Ich denke, der Busfahrer ist entweder Spanienmeister im Cartfahren oder passionierter Achterbahnführer. Zu allem Überfluss riecht es im Bus nach Benzin. Mir wird ganz übel, aber ich werde von SchwiegerM fachkundig zu den Sehenswürdigkeiten informiert: „Hier ist ein Park.“, “Das ist ein großer Park.“ „Hier war Mal ein Park.“ Ich wusste gar nicht, dass Madrid so grün ist.

Als wir irgendwann ankommen, sortiere ich meine Organe. Huui, Busfahren ist nicht so mein Ding!

Wir besuchen den königlichen Palast. Die Sehenswürdigkeit dieser und anderer Orte liegt darin begründet, dass „La Leti“ (mittlerweile Königin Letizia) ihre Hand aus einem der vielen Fenster hielt. Diese Fenster werden mir alle gezeigt mit der Information, zu welchem Anlass La Leti hier wunk. Winkte.

Plötzlich kommen kostümierte Männer auf Pferden angeritten. Kindi hat sie sofort identifiziert: „Mama, ganz viele Sankt Martin!“ Es ist aber eine Show der königlichen Leibgarde. Einer geht vor, schreit etwas und macht Verrenkungen und die anderen machen es nach. Ich muss irgendwie an Thriller von Michael Jackson denken, es ist aber eine Militärübung. Nachher kann man Fotos machen, ich versuche auch eins. Im Selfie-Schießen bin ich aber schlecht und die Sonne blendet, deshalb sind dann leider nur die Hufe der Pferde drauf. Schade.

 

Schweiz oder Schweden? Hauptsache Madrid

Es geht weiter mit der Stadttour Richtung Plaza de irgendwas. Wir kommen an einem Schaufenster vorbei, das mit Bierkronkorken gefüllt ist und mir springt sofort das „Duff“ ins Auge. Ich freue mich tierisch, irgendwie dachte ich, das Duff Beer wäre fiktiv. Ich erkläre Schwiegers, worum es sich handelt und kann sehen, dass die Informationen bei ihnen einfach keine Ankunft haben. SchwiegerM kneift immer die Augen zusammen, wenn sie etwas nicht versteht, aber wissend wirken will. So auch in diesem Fall.

Wir kommen an dem Platz an, dessen Namen ich vergessen habe. Hier haben es sich Fans vom FC Malmö oder so breit gemacht und singen schwedische Fußballieder für die spanischen Fernsehkameras. Die Alten können das Geschehen nicht so gut einordnen. Ich sage: „Das sind Fußballfans aus Malmö. Heute Abend ist Champions League Spiel.“

Die Senioren können nichts mit Malmö anfangen. Ich sage: „Das liegt in Schweden.“ SchwiegerV sagt: „Aaah, Suecia!“ SchwiegerM sagt: „Que no, Suiza!“ Sie streiten sich dann darüber, ob Schweiz oder Schweden. Weil ich die Vokabeln seinerzeit im Spanischkurs aus Faulheit nicht gelernt hatte, stifte ich auch etwas Verwirrung und gebe irgendwie beiden Recht.

Onkel hat den Streit nicht abgewartet und ist mit seiner neuen Freundin vormarschiert. Wir hetzen schnell hinterher. Man macht sich auf die Suche nach einem geeigneten Lokal, die Schweden haben alles in Beschlag genommen und wir müssen weiter stadteinwärts laufen. Wir kommen dann an einem Lokal vorbei, wo ich vom Geräuschpegel her erst eine Großraumdisko vermute, aber es sind nur fünf Leute drin. Es gibt eine große Auswahl an frittierten Sachen. Diese frittierten Sachen werden in ein kleines Baguette gepackt und dazu trinken wir Bier. (Diese schnell liebgewonnene und vollwertige Tradition hat mir innerhalb einer Woche 2kg beschert.)

Es geht weiter Richtung Puerte del Sol. Hier haben sich Menschen als Disneyfiguren verkleidet und laufen herum. Kindi schreit vor Vergnügen: „Mama, ist das Disneyland?“ Nee, Disneyland ist es nicht, aber genauso teuer. Ein Foto mit Minnie Mouse kostet ein Euro. Seltsamerweise riecht Minnie Mouse nach Männerschweiß, das war einer der verstörendsten Eindrücke der Woche.

Die neue Freundin vom Onkel führt uns ein Café hoch über den Dächern der Stadt. Im neunten Stockwerk des Corte Ingles kann man schlemmen und die Aussicht genießen. Dazu kann man Weißbier trinken, denn es ist Oktoberfest im Kaufhaus. Ich betrachte mit Entsetzen, wie ein Aushilfskellner versucht, Weißbier zu zapfen, es ist so schlimm, ich muss mich arg zusammen reißen, dass ich nicht dazwischen gehe. Es kommt Schaum aus dem Hahn, den er einfach wegschüttet. Er sagt zu mir, dass der Bierhahn kaputt sei. Ich sage auf spanisch (denke ich), dass das normal sei und erkläre ihm, wie er zapfen soll. Ich glaube, er versteht nicht, was ich sage und fragt: „Do you speak English?“ Echt unhöflich.

 

Senioren, die auf Schildkröten starren

Ein neuer Tag bricht an. Ich ziehe die Jalousie hoch, blicke runter auf die Obdachlosen-Party unter dem Fenster, schaue auf Conchita Jesus, bediene Kindi mit Milch und Youtube und schon geht es los.

SchwiegerM stürzt mit einem Kaffee rein, stößt an Ultraschall sich nähernde Töne zum Kindi aus und fragt nach meinen Plänen. Ich sage: „Ich wollte in die Stadt gehen.“ Sie sagt: „Ah, gut, dann gehen wir um 11 Uhr los.“ Hmm, vielleicht gibt es ja in Spanien kein „ich“ sondern nur „wir“. Tja, dann ist das wohl so. Ich kann mich nicht wehren. In der Regel antwortet sie eh nur mit „ah“ oder „aha“. Es wird Frühstück zubereitet, immer wenn der Tisch fertig gedeckt ist, ist Onkel weg. Das ist wohl Routine. Sobald alle am Esstisch sitzen, ist er plötzlich verschwunden. Aber genauso mysteriös, wie er verschwindet, ist er auch wieder da. Er hat etwas Phantomartiges an sich.

DingDong. Die Nachbarin in Personalunion neue Freundin des Onkels ist da. Heute hat sie orangefarbenen Lippenstift fern der Lippen aufgetragen und riecht nach 4711. In Spanien heißt das bestimmt anders, aber es riecht genauso.

Immer wenn wir losgehen wollen, fehlt eine Person, wie jeden Morgen. Irgendwann aber verlassen wir das Haus und gehen zu einer Haltestelle, die ich nicht kenne. Ich sage: “Aber der Bus in die Stadt fährt doch an der anderen Haltestelle!“. Die Alten entgegnen, dass der Bus hier auch in die Stadt führe, nur über eine andere Route. Meinetwegen. Der Bus ist rappelvoll und stinkt wieder nach Diesel und holpert, stolpert, rattert und ich bin mir sicher, dass meine Organe neue Positionen im Körper einnehmen. Die Route führt durch Wohngebiete und SchwiegerM lässt es sich wieder nicht nehmen, mich auf die Sehenswürdigkeiten hinzuweisen: „Hier gibt es billiges Obst.“, „Hier ist ein großer Supermarkt.“ usw.

Kurz bevor Kindi sich übergibt, steigen wir aus. Es wird angekündigt, wir gingen zu einem botanischen Garten. Es ist aber der alte Madrider Bahnhof, den ich schon von einem vorherigen Besuch her kenne. Wir gehen hinein und Tatsache: da sind Palmen in der Mitte des Bahnhofsplatzes. Und Schildkröten. Ungefähr 1000 Stück auf 2 Quadratmetern. Entsprechend stapeln sie sich.

Es ist gerade Fütterungszeit, Pfleger kommen mit Trögen heran und bewerfen die Tiere. Aber bevor das Futter die Tiere erreicht, kommen Tauben und anderes Gefieder und greifen es ab. Ein etwas trauriges Schauspiel. Die Palmen sind auch etwas in die Jahre gekommen, viele trockene und verstaubte Blätter hängen traurig herunter und geben den gestapelten Schildkröten eine trostlose Kulisse.

Während ich einer aufkommenden Depression versuche zu trotzen, fällt mein Blick auf Onkel und seine Freundin, die vor mir stehen und sich unbeobachtet wähnen. Die Hand Onkels wandert zum Podex der neuen Freundin und zwickt, während die Hand der neuen Freundin gespielt versucht abzuwehren.

Ich hyperventiliere kurz, versuche das Gesehene irgendwie zu verarbeiten und suche nach Kindi. Kindi sitzt auf dem Boden der Bahnhofshalle heult hysterisch, weil sie irgendeinen Ramsch vom Ramschstand haben möchte, aber SchwiegerV ihn ihr nicht gekauft hat. SchwiegerM lacht und macht Fotos mit ihrer neuen Handykamera.

 

Und die Tante so: Verdammt, ihr Luschen! Warum trinkt ihr nicht?

Ein neuer Tag bricht an in dem Land der nie erkaltenden Fritteusen.

Ich ziehe die Jalousie hoch und blicke auf die Obdachlosen in dem Garten. Sie haben heute Besuch, sind besonders ausgelassen und reichen Getränke in der Runde weiter. Ein paar Meter von ihnen entfernt balgen sich Katzen, spielen Fangen und haben auch Spaß. Ich trenne mich ungern von dem Blick der Natur, aber Conchita Jesus mahnt: Auch heute ist Programm.

Schwiegermutter hat Lebenszeichen aus unserem Zimmer vernommen und stürzt mit einem Kaffee herein. Dieser soll mich wohl besänftigen, aber eigentlich ist er nur eine lebenserhaltende Maßnahme.

Es kommt die obligatorisch rhetorische Frage: „Was hast du heute vor?“

Ich öffne den Mund, um zu antworten, aber höre nur SchwiegerM reden. „Wir fahren um 11 Uhr los zu Tante.“ Ich sage: „Ich glaube, das schaffe ich nicht.“ SchwiegerM antwortet: „Super, dann mach dich schnell fertig. Wir warten schon auf dich.“

Ich bin etwas verloren, ich erkenne, die Frage nach meinen Plänen war nur eine rhetorische Höflichkeit. Beim besten Willen weiß ich nicht, was ich bei Tante verloren habe. Tante wohnt in einem Viertel mit „Farbenmenschen“ so SchwiegerM und hat sich einen Fuß operieren lassen und ist immobil.

Und jetzt kommt das Kurioseste: SchwiegerM sagt, Tante sei noch lauter als sie und würde mehr reden. Ich halte dies für Propaganda, um meine Neugier auf das Unmögliche zu wecken. Ich habe ohnehin keine Ausweichmöglichkeit und versuche, mich zu freuen.

Es ist soweit. In einem akrobatischen Wendemanöver setzt Onkel den Wagen in nur 20 Minuten aus dem Parkplatz und wir fahren los. Onkels Fahrkünste stehen SchwiegerV’s Fahrkünsten in nichts nach. Willkürliche Spurwechsel, Beschleunigungen, Abbremsungen sowie Touren im Kreisverkehr lassen mich etwas bangen und Kindi übergeben. Wir kommen mit grünen Gesichtern und einem vollgereiherten Kind an und steigen aus.

Wir klingeln, aber Tante ist wegen der Fuß-OP immobil, hat die Schlüssel einer Cousine übergeben. Wie dann in einem Telefonat an der Tür zu erfahren ist, ist die Cousine gerade Brot holen gegangen, aber der Bäcker, der ja eigentlich Italiener ist und dessen Frau einen Bart hat,  ist gerade  in Mittagspause usw. Ich verstehe nicht alles, es ist unmöglich. Irgendwann macht die Tür „brrr“ und wir gehen rein. Schon im EG hören wir Tante reden und als wir die Wohnung betreten, ist es ein bisschen so, wie wenn man die Tür zu einer Disco öffnet:  Der Schall prallt erst auf mich, dann umgibt er mich und irgendwann ergebe ich mich ihm.

Tante empfängt uns auf einem Drehbürostuhl sitzend. Sie trägt einen Fleecemantel, Fleecehose und sitzt auf einer Heizdecke. Es sind 26 Grad in Madrid, vielleicht hätte ihr das jemand sagen sollen. Kindi kriegt eine weißes Ersatz-T-shirt, das ihr bis zu den Füßen reicht. Sie sieht aus wie ein Gespenst und findet das super.

Tante hat ein Stakkato, da kann SchwiegerM nicht mithalten. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass SchwiegerM’s Lautstärke übertroffen werden kann, aber ich werde eines Besseren belehrt. SchwiegerM wirkt etwas bedrückt, immerhin wird sie von der eigenen Schwester in ihren Spitzenkategorien übertroffen, das ist wohl Geschwisterneid.

Es gibt auch einen Ehemann, dieser ist aber eher eine Art menschliche Hülle. Er spricht nicht. Ich glaube, er ist taubstumm. Das würde auch die vielen Ehejahre erklären. Tante rattert, poltert, kreischt, flucht wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie fordert uns auf, Bier zu trinken und als wir ihrer Forderung nicht sofort nachkommen, schenkt sie uns selbst ein und flucht wie ein Berserker, was wir für Schwächlinge seien. Es ist 14:00 Uhr.

Wir trinken brav mehrere Dosen Bier und ich bekomme Hunger. Ich gehe selbsttätig in die Küche und nehme mir von dem Eintopf. Dies macht mich zur Heldin der Woche. Ich habe Tantes Eintopf gegessen! Später wurde dieses wichtige Ereignis ins Dorf und andere Gemeinschaften kommuniziert. Ich habe Tantes Eintopf gegessen.

Tante flucht, schnattert, rattert, lacht, kreischt und quatscht. Irgendwann sind wir erschöpft und beschließen, aufzubrechen. Nach ein paar Stunden ist die Abschiedszeremonie abgeschlossen und wir steigen ins Auto.

Kennt ihr Uwoassa?

Auch auf der Rückfahrt werde ich von Todesängsten begleitet, aufgrund einer Baustelle kann Onkel den gewohnten Weg nicht nutzen, das macht seine Fahrweise noch unberechenbarer. Seit Tagen wird nämlich eine Straße geteert, immer und immer wieder. Mal die rechte Seite, dann die linke Seite, dann beide Seiten zusammen. Ist wohl eine spanische Technik.

Warum auch immer, Onkel verfährt sich in seinem eigenen Viertel! Anscheinend eine Schmach für einen so routinierten und ehrenvollen Autofahrer, der immerhin seit 40 Jahren im zweiten Gang durch Madrid fährt. Wie er auch lenkt und wendet, immer wieder stoßen wir auf Einbahnstraßen und Baustellen. Das erste Mal höre ich Onkel fluchen und zwar ganz schlimme Flüche. Irgendwann, ca. 26 Wendemanöver später, erreichen wir Onkels Haus.

Ich bin geschafft, aber es gibt noch Abendprogramm. Kaum in der Wohnung angekommen, greift SchwiegerM zum Telefon und informiert Cousins, Cousinen und diverse Schwestern über die Einzelheiten unseres Tantenbesuchs. Besonders hervorgehoben wird, dass ich Tantes Eintopf gegessen hab. Im Gegenzug informieren die Cousins, Cousinen und Schwestern SchwiegerM darüber, was sie zu Mittag gegessen haben und über ihre Pläne am Abend (Abendessen).

DingDong. Die Nachbarin ist da. Heute trägt sie einen pinkfarbenen Lippenstift, den sie in kubistischen Formen in der von ihr vermuteten Nähe der Lippen aufgetragen hat. Die Nachbarin ist aufgeregt, denn sie hat ein neues Handy. Sie möchte unbedingt Textnachrichten mit ihrem Sohn austauschen, aber weiß nicht, wie Uwoassa funktioniert, ob ich denn nicht helfen könne. „Was ist den Uwoassa?“ frage ich. „Damit kann man doch Nachrichten und Bilder schicken! Du machst das doch auch!“. „Hmm? Nee, kenne ich nicht!“ Ich vermute eine spanische Nachrichten-App. Die Nachbarin zeigt sie mir auf ihrem Smartphone. Ich kenne diese App! Für einen Moment bin ich irritiert, blockiert, total durcheinander. „Aber das ist doch WhatsApp!“ rufe ich aus. „Ja, genau!“, sagen die Alten, „Uwoassa!“ Da soll Mal einer drauf kommen!

Ich erkläre ihnen die Grundzüge der App, SchwiegerM hört fleißig zu und ich befürchte das Schlimmste. Ich bin mit meinem Workshop noch nicht zu Ende, da sehe ich, wie die etwas in die Jahre gekommenen und daher ungelenkigen Finger der Nachbarin auf dem Display ungeschickt rumgleiten. Zack! hat sie schon dem Sohn die erste Nachricht geschickt und Zack! die zweite und die dritte.

Ping! Kommt die Antwort vom Sohn: „Liebe Mama, ich würde dich besser verstehen, wenn du mir Nachrichten auf Spanisch schriebest.“

Welches Terminal darf es denn sein? A oder B?

Wieder ein neuer Tag und noch nie kam mir die Abwesenheit von Zuhause so lang vor. Jalousie hoch. Blick runter in den Garten: Oh, es ist nur ein Obdachloser da und er schläft. Auch keine Katze weit und breit, komisch. Aber auf Conchita Jesus ist Verlass. „Guten Morgen!“ sage ich „Buenos dias.“ haucht er zurück. „Diese Woche ist deine Prüfung.“ sagt er und hebt den Finger.

SchwiegerM hat anscheinend lauernd vor der Tür gestanden, reißt sie auf und schmeißt sich mit Karacho auf Kindis Bett und will schmusen. Kindi hat noch schlafverquollene Augen und will in Ruhe gelassen werden. Es gibt eine kleine Rangelei, SchwiegerM verlässt beleidigt das Zimmer.

Ich schlurfe ins Wohnzimmer, dort sind mehrere Senioren anzutreffen. Heute soll der Mann nachkommen und sie möchten ihn abholen. Der Tag ist um dieses große Ereignis herum geplant. SchwiegerM hängt wieder am Telefon. Sie informiert Tanten 1-4, dieser wiederum informieren 5-7, außerdem jede Tante die angehörigen Cousins und Cousinen. Sie brauchen kein Facebook.

Schwiegervater fragt: „In welchem Terminal kommt dein Mann denn an?“ Ich sage: “Keine Ahnung.“ SchwiegerV guckt irgendwie, sagt aber nichts und geht weg.

Später stellt sich heraus, dass seine Frage hätte lauten sollen: „Kannst du bitte in Erfahrung bringen, in welchem Terminal dein Mann ankommt?“ Und ich hätte sagen sollen: „Warte ich schaue eben nach.“ Nun, es gab ein gewisses Kommunikationsproblem, in dessen Folge drei Menschen viel Zeit am Madrider Flughafen verbrachten und zwar in den Terminals A und B, aber nie zur gleichen Zeit.

Es war doch Terminal A

Am Abend kommt der Mann in Madrid an. Er geht zum Ausgang 6 in Terminal A. Er wartet. Onkel und SchwiegerV warten auch. Irgendwann ruft Onkel den Mann an.

Onkel: Wo bist du?

Mann: Am Flughafen

Onkel: Wir auch.

Pause.

Onkel: Wir sehen dich nicht.

Mann: An welchen Ausgang seid ihr denn?

Onkel: Ausgang 6.

Mann: Ich auch.

Onkel: Komisch, wir sehen dich nicht.

Pause.

Mann: An welchem Terminal seid ihr denn?

Onkel: B.

Mann: Ich bin in A!

Onkel: Warte, wir kommen zu dir.

Der Mann weiß, wie es um die Fahrkünste, die Reaktionsgeschwindigkeit und Orientierungssinn der beiden Herren bestellt ist.

Mann: NEIN, auf keinen Fall! Ich komme zu euch.

Es folgt eine fünfminütige Diskussion darüber, wer zu welchem Terminal fahren soll. Der Mann setzt sich durch und fährt mit dem Shuttle Bus zu Terminal B. Überraschend finden sich alle an dem vereinbarten Treffpunkt, der spannende Teil des Abends beginnt. Onkel fährt.

Der Mann hat mir später exakt die Fahrweise beschrieben, die ich auch mehrmals beobachtete: Die bevorzugte Spur ist die mittlere, unabhängig von der Geschwindigkeit. Die pendelt sich irgendwo zwischen 50km/h- 60km/h ein. Der voreingestellte Gang ist der zweite. Zwischendurch wechselt Onkel die Spur, mit welcher Motivation, konnte der Mann auch nicht herausfinden. Obligatorisch ist, dass kurz vor Einfahrt in die Stadt die falsche Ausfahrt genommen wird. Onkel flucht. Es ist Hauptverkehrszeit. Sie fahren eine Stunde im Schritttempo durch Madrid.

Irgendwann, kommen alle ermüdet und schlecht gelaunt zuhause an. Die Abholaktion hat fast vier Stunden gedauert, obwohl der Flughafen nur 15 km entfernt ist. Die Ursachenforschung beginnt und die Schuldige ist ausgemacht: Ich. Warum? SchwiegerV hatte mich gefragt, ob ich wüsste, in welchen Terminal der Mann abzuholen sei und ich sagte, ich wisse es nicht. Daraufhin, seien sie zum falschen Terminal gefahren usw. Dios mio!

Tutti completti. Ale Mann an Board.

Jetzt, da der Gatte auch da ist, geht das Programm richtig los. „Jetzt machen wir endlich die Familienbesuche!“, kündigt SchwiegerM an. „Aber wir haben doch jeden Tag Familienbesuche gemacht!“, wende ich ein. Sie hört mich aber nicht, weil sie sich wieder in eine Telefonzentrale transformiert hat. Sie initiiert eine Telefonkette, um folgende Informationen zu verteilen:

  1. Ihr Sohn ist in Madrid angekommen (Begeisterungsstufe: Der Heiland ist geboren)
  2. Es wird mehrere Familientreffen innerhalb der nächsten 48 Stunden geben.
  3. Sie hat Hühnersuppe gekocht.
  4. Tante hat Eintopf gekocht.
  5. Auberginen kosten auf dem Markt 2,99 €/kg, aber im Carrefour 3,09 € / kg.

Der Mann indes ist rauchen gegangen in der Küchenkammer, die mit Fenstern ausgestattet ist. Dieser Raum wird multifunktional benutzt. Er erfüllt Zwecke wie Vorratskammer, Waschküche, Raucherbereich und Wäsche wird auch aufgehangen. Der Mann steht da deswegen eingezwängt zwischen Kartoffeln und Wischmopp, sein Kopf ragt in die zum Trocknen aufgehängten Unterhosen von Onkel und SchwiegerM und er bläst den Rauch brav aus dem Küchenfenster raus. Der Wind trägt ihn dann durch das Wohnzimmerfenster wieder in die Wohnung.

Als der Mann die Kammer verlassen will, kann er erleben, was es bedeutet, wenn die Putzfrau ihre kranke Mutter in Rumänien besucht (offizielle Version). Seine Pantoffeln bleiben auf dem Küchenboden kleben und er läuft auf Socken weiter. So kann er auch jeden einzelnen Krümel und die Klumpen spüren, der sich in den letzten Monaten auf dem Boden angesammelt haben. Es ist ein bisschen wie Indoor-Trekking. Der Mann macht sich fertig, ist etwas enttäuscht darüber, dass sein Hemd im Koffer die Struktur einer alten Schatzkarte angenommen hat, aber hey, es ist bügelfrei und muss nicht gebügelt werden.

Bevor die Freizeit losgeht, hat der Mann noch ein wichtiges Arbeitstreffen mit der spanischen Dependance seines Arbeitgebers. Das Arbeitstreffen beginnt um 13:00 in einer Kneipe und wird dann in ein Restaurant verlegt. Gegen 16:00 Uhr schickt er mir eine Nachricht, dass gerade das Dessert serviert worden ist. Gegen 17:00 Uhr haben sich alle Kollegen in dem Konferenzraum eingefunden und man arbeitet oder so bis 19:00 Uhr. Danach Abendessen.

Da der erste Tag des Arbeitstreffens nicht so produktiv gewesen ist, beschließen alle, am nächsten Tag früher loszulegen. Man einigt sich auf 11:00 Uhr. Der Sekretärin hatte aber schon für 13:30 Uhr einen Tisch für das Aperetif reserviert. Ja, da kann man nichts machen, muss man hingehen. Danach Kaffeetrinken. Gegen 15:00 Uhr verlässt der Gatte mit Magenbeschwerden das Manager-Seminar und die Sippschaft trifft sich nun vollzählig in der Stadt.

Endlich Ruhe

Der Nachmittag in der Stadt mit der neunköpfigen Gruppe verläuft unspektakulär, zumindest ist dies in meiner etwas schwammigen Erinnerung so. Es kann auch daran liegen, dass wir unzählige Kneipen passieren auf der Route, die Onkel ausgesucht hatte. Nun, genau genommen passieren wir sie nicht wir besuchen sie. In jeder Kneipe wird Onkel mit Namen begrüßt und es gibt nur Bier zu trinken. Und wieder Frittiertes zu essen. Ich frage nicht mehr, was der Inhalt des vor Öl triefenden Teigmantels ist.  Lammhoden, abgehackte Kellnerfinger, Schweineaugen oder Kuhhörner. Der Spanier ist alles, Hauptsache frittiert!

Ziemlich gut gelaunt kommt die Gruppe zuhause an. Es soll sich ausgeruht werden, den Mann und mich freut das sehr, weil wir fälschlicherweise denken, Ausruhen hätte mit Ruhe und Untätigkeit zu tun.  Es hat jeder eine andere Definition davon anscheinend.

Onkel zieht sich zurück in sein Büro und bahnt sich den Weg frei durch die zu Substanz gewordenen Staubschichten zum Schreibtisch. Auf diesem steht ein Monitor, der ungefähr mein Alter haben dürfte, er ist auch nicht mehr ganz so scharf. Und weil der dazugehörige Rechner seit dem Auszug der Kinder in den 90’er Jahren nicht mehr so regelmäßig aktualisiert wird, sind auf dem Bildschirm hauptsächlich Warnungen zu sehen, dass irgendetwas installiert oder aktualisiert werden muss.

Onkel kann anscheinend gut damit umgehen, er hackt konzentriert mit der Einfingersuch-Methode auf der Tastatur rum. Danach möchte er Telefonate führen. Leider hat die Telefonanlage aufgrund unsachgemäßer Bedienung gewisse Dysfunktionen und Eigenleben entwickelt. Bevor Onkel überhaupt die Tasten drückt, lässt er daher das Telefon erstmal probeklingeln. Ist wohl eine Art Funktionalitätscheck. Dabei stellt er fest, dass er in seiner Abwesenheit angerufen worden ist. Onkel misstraut grundsätzlich jeder Nummer, die nicht mit einem Namen in seinem Telefon hinterlegt ist. Er rennt mit dem Telefon zu SchwiegerM und fragt sie, ob sie wisse, wem diese Telefonnummer gehöre. Sie überlegt kurz, zählt verschiedene Schwestern und Cousinen auf und rekonstruiert die letzten Telefonate. Tatsache, es könnte Tante sein, die hatte an dem Tag nur zweimal angerufen.

Man beschließt, zurückzurufen. Es geht aber keiner dran. Wie kann das sein? Tante müsste doch zuhause sein! Panik macht sich breit! SchwiegerM ruft sofort Cousine an: „Weißt du, wo Tante ist?“ Cousine ist von der Panik sofort angesteckt: „Oh, Gott! Sie wollte doch Eintopf kochen! Sie müsste zuhause sein!“ Die Telefonkette wird initialisiert. Der Mann ist genervt. SchwiegerV bewahrt stoische Ruhe und öffnet eine Dose Bier. Kindi möchte Tombola spielen. DingDong, die Nachbarin ist. Heute trägt sie Lipgloss oder evtl. ist es Fett von der letzten Mahlzeit.

Minütlich gehen Status-Updates auf Mobil- und Festnetztelefon ein, soviel zum ausruhen. Die letzten Stunden in Tantes Leben werden rekonstruiert. Ein Cousin hatte sie zuletzt lebend mit einem Suppenhuhn in der Küche zurückgelassen. Endlich kommt der erlösende Anruf. Es ist Tante, extrem schlecht drauf. Sie flucht sehr lange und laut. Sie saß auf dem Klo und als sie mit den Krücken rumhantierte ist der Badezimmerschlüssel ungünstig hingefallen und aufgrund ihrer nachoperativen Immobilität konnte sie ihn nicht so schnell aufheben, der Mann war auf dem Balkon und hat nichts gehört (ich sage doch, er ist taubstumm!) Während Tante MacGyver-ähnliche Gadgets konstruierte, um den Schlüssel aufzuheben, hat das Telefon unablässig geklingelt und sie vollends in den Wahnsinn getrieben. Coño!

 

Ein Gedanke zu “Die mediterrane Achse

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